Mittwoch, 15. Oktober 2025

Im Schutzraum von Ulrike Serowy


An einem ganz normalen Sommertag in Deutschland heulen plötzlich die Sirenen.

ABC-Alarm

Die namenlose Erzählerin schafft es noch rechtzeitig in einen nahegelegenen Bunker in einer vor kurzem noch wegen Bauarbeiten gesperrten U-Bahn-Station. Dort unten werden alle einer entwürdigenden Entkontaminierung unterzogen, niemand weiß, wie es weitergeht. Die Stimmung schwankt zwischen Angst und Hoffnungslosigkeit. Schutzraumwart Heinz-Theo Krollek teilt die Menschen in Gruppen ein Blau, Tot, Gelb und Grün und er erklärt die Regeln, unter denen sie in der nächsten Zeit leben müssen, und geregelt ist alles von der Essensausgabe, bis zu den Ruhezeiten und der Nutzung der sanitären Anlagen, doch wie es draußen aussieht oder wie es weitergeht, kann auch er nicht sagen, vielleicht weiß er es auch nicht. Krollek rekrutiert einzelne Personen zur Unterstützung, Ärzte, Handwerker und auch unsere Ich Erzählerin, die vor wenigen Stunden noch bei der Post gearbeitet hat, wird herangezogen, sie soll als Gruppenführerin für die Durchsetzung der Regeln sorgen und das die Menschen ruhig bleiben. Erstaunlich schnell fühlt sie sich in die Rolle ein.

Die Story hat ein sich immer verstärkendes Gefühl der Beklemmung in mir ausgelöst.
Es ist kein plötzlicher Schreck, sondern eine Anspannung, die sich langsam steigert, Seite für Seite. Manches habe ich mit angehaltenem Atem gelesen, ich bin mit der fast allgegenwärtigen Angst vor einem Atomschlag aufgewachsen, die Erinnerung daran kam mit der Lektüre daran zurück.

Ulrike Serowy nahm mich mit hinunter in den Schutzraum, in die Enge, die stickige Luft, den Gestank vieler Menschen, die Türen, die sich hinter den Menschen schließen.

Dabei geht es weniger um die Katastrophe draußen, sondern um das, was im Bunker geschieht: Macht, Anpassung, Angst und Kontrolle. Beim Lesen habe ich mich immer wieder gefragt, wie ich selbst reagieren würde. Würde ich mich einordnen und Regeln befolgen, oder würde ich versuchen, dagegenzuhalten?

Die Erzählerin ist mir nahegekommen, trotz des eher distanzierten Schreibstils der Autorin, weil sie gezwungen ist, Verantwortung zu übernehmen, obwohl sie vorher ein ganz gewöhnliches Leben geführt hat. Mit ihr habe ich gespürt, wie eng und drückend es unter der Erde wird. Die Vorstellung, dass mein Alltag von einem Moment auf den anderen so enden könnte, hat mich sehr beschäftigt.

„Im Schutzraum“ führt mir vor Augen, wie schnell Sicherheit zur Fassade werden kann und wie stark der Verlust von Freiheit und Würde wiegt. Dieses bedrückende Gefühl bleibt zurück, leise, aber eindringlich.

Interessant sind auch die Erklärungen Peter Zilligs von der Geschichtswerkstatt Kalk e.V. über den Zivilschutzraum in Kalk, in dem Ulrike Serowys Story spielt. Wirklich beruhigend ist das allerdings nicht, soviel kann ich verraten.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Edition Outbird
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 72 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3948887934
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3948887933

Zu Gast im Buecherhaus: Ulrike Serowy



Heute darf ich die Autorin Ulrike Serowy im Bücherhaus begrüßen, deren Novelle"Im Schutzraum« ich gerade gelesen habe.





Herzlich willkommen, liebe Ulrike, ich freue mich, dass du dich bereit erklärst, hast mir ein paar Fragen zu beantworten. Für die unter meinen Leserinnen und Lesern, die dich noch nicht kennen, stelle dich doch bitte kurz vor.

Hallo Manuela, vielen Dank für die Gelegenheit! Ich bin Autorin und lebe im schönen Rheinland, am liebsten in Sichtweite des Kölner Doms. Mein Debüt kam 2013 im Hablizel Verlag heraus, seitdem schreibe und veröffentliche ich regelmäßig die Geschichten, die durch mich erzählt werden wollen. Die bewegen sich mal im Düster-Romantischen, mal im Lustig-Bizarren, oder eben, wie „Im Schutzraum“, in dystopischer Finsternis.

Kommen wir nun zu den Fragen.

Was hat dich dazu inspiriert »Im Schutzraum« zu schreiben. (Ich war ja froh, dass die Novelle so kurz ist, ich habe sie fast durchgängig mit angehaltenem Atem gelesen)



Erstmal freut es mich, dass die Geschichte dich in Atem gehalten hat! Die Inspiration kam durch den Ort, an dem sie spielt: Ich habe lange in Köln-Kalk gewohnt, und dort gibt es in der U-Bahn-Station „Kalk Post“ den Atomschutzraum, in dem die Erzählung spielt. Ich habe zweimal eine Führung durch den Schutzraum mitgemacht und diese Erfahrungen haben mich nachhaltig erschüttert. Die Anlage dort unten ist Ausdruck eines starren Verwaltungswillens, der im Namen der Funktionalität wenig Raum lässt für Menschlichkeit und Lebendigkeit. Eigentlich soll dieser Schutzraum dazu dienen, die Überlebenschancen nach einem Atomschlag auf Köln für die Insassen um eine gewisse Zeit zu verlängern, ist dabei aber so dysfunktional, dass am Ende der Führung mit all ihren beklemmenden Eindrücken nicht nur ich den Gedanken hatte, dass ich im Fall des Falles lieber draußen wäre als drinnen, im Schutzraum…


Deine Erzählerin bleibt namenlos – was war dein Beweggrund dafür


Es ist spannend, dass du die Person als Frau, als Erzählerin gelesen hast. Ich habe mir beim Schreiben eher einen mitteljungen Mann vorgestellt, eine Art Jedermann. Es kann aber genauso gut eine Jederfrau sein, denn die Namenlosigkeit der Hauptfigur genau wie die Du-Perspektive soll den Leser an ihre Stelle setzen. Im Grunde ist die Hauptfigur nur ein Platzhalter für den Leser, der sich mit den Fragen konfrontiert sehen soll, wie er oder sie selbst sich in einer solchen Extremsituation fühlen und verhalten würde.

Wie bist du bei der Recherche zu den historischen und technischen Details rund um den Zivilschutzraum vorgegangen

Ich habe die Führungen im Schutzraum mitgemacht und dann noch dazu gelesen. Die Führungen waren sehr detailliert und eindrücklich, da konnte ich schon viel mitnehmen. Bis vor einiger Zeit gab es auch einen virtuellen Rundgang durch den Schutzraum, durch den ich beim Schreiben oft per Mausklick gewandert bin. Leider ist der nicht mehr online, aber dort konnte ich meine Erinnerungen an die Raumsituation auffrischen.
Da es ein literarisches Werk und kein Sachbuch ist, mag es nicht hundert Prozent historisch korrekt sein). Doch manche Ungenauigkeit oder Widersprüchlichkeit im Text spiegeln eben auch die Dysfunktionalität des Schutzraums selbst wider.

Machtstrukturen und Kontrolle spielen in deinem Buch eine große Rolle. Was fasziniert dich besonders an diesen Themen in solchen Extremsituationen?




Die Frage, die sich mir stellte und die das Buch stellt: Woran erkennen wir, ob wir Regeln folgen sollten, die nominell zu unserem Besten sind, aber vielleicht nicht unser Bestes bewirken? Hannah Arendt sagte mit Bezug auf Kant: Niemand hat das Recht, zu gehorchen. Damit ist gemeint, dass einem ein Befehl nicht die Verantwortung für das eigene Handeln abnimmt. Wann ist der Punkt erreicht, ab dem das gilt? Und: Wo fängt Machtmissbrauch an, wo beginnt man, sich über andere zu erheben, sobald man etwas Macht bekommt? Das sind Fragen, die der Text verhandelt. Wobei ich noch ergänzen möchte, dass meine Texte in erster Linie Werke sind, die Eindrücke in Sprache übersetzen und erst nachrangig politische oder gesellschaftskritische Aussagen. Meiner Meinung nach muss Literatur sich in erster Linie an künstlerischen Maßstäben messen, dann an denen des Inhalts, ansonsten ist es keine Literatur, sondern ein Gebrauchstext.


Gab es eine Szene oder Passage, die dir beim Schreiben besonders schwergefallen oder besonders wichtig war?




Da „Im Schutzraum“ recht kurz ist, lag die größte Herausforderung eher darin, die beklemmende Stimmung in einem stetig anwachsenden Bogen aufzuspannen. Außerdem ist es beim Schreiben immer ein Ziel, dem Leser nicht ausdrücklich vorzuschreiben, wie er die Geschehnisse in der Erzählung wahrzunehmen hat, sondern durch möglichst präzise Beschreibungen dafür zu sorgen, dass sich ein bestimmter Eindruck, eine besondere Stimmung einstellt, ohne, dass es dafür Regieanweisungen braucht. Ich hoffe, das hat bei „Im Schutzraum“ gut geklappt, auch durch die Wahl der Du-Perspektive.


Wie sieht dein Arbeitsalltag aus, wenn du an einem neuen Buch schreibst?

Tatsächlich gar nicht groß anders als sonst, außer dass es dann längere Schreibphasen gibt. Wirklich produktiv bin ich – etwas klischeehaft – am ehesten abends und nachts, wenn die Alltagswelt Ruhe gibt.

Wenn du nicht schreibst, womit beschäftigst du dich?



Mit den unterschiedlichsten Dingen – Arbeit, Kunst, Menschen, Sprachen… mein Lebensgefährte und ich sind vor Kurzem umgezogen, das hat einige Zeit und Energie gebunden, aber wir sind froh über unser neues Zuhause und ich liebe es, dort immer weiter heimisch zu werden. Ich male auch gerne, singe und mache Musik und will mir dafür wieder mehr Zeit nehmen, sobald es richtig Herbst ist.



Gibt es bestimmte Autorinnen oder Autoren oder Werke, die dich besonders geprägt oder inspiriert haben?


Mein Schreiben wird von ganz vielen unterschiedlichen Autorinnen und Autoren inspiriert – ich habe als Kind und Jugendliche eigentlich nur gelesen, und besonders als Kind haben mich die „Der Kleine Vampir“-Bücher von Angela Sommer-Bodenburg sehr geprägt. Die sind zwar sehr kindgerecht, lassen aber doch die abgründige Verlorenheit dieser Wesen durchscheinen. In den letzten Jahren haben mich vor allem „Die Wand“ von Marlen Haushofer und „Der Erlkönig“ von Michel Tournier umgehauen. Auch die Bücher von Tarjei Vesaas kann ich sehr empfehlen, besonders wenn es um die künstlerische Verarbeitung der Beziehung zwischen Mensch und Natur geht.


Und zum Schluss: Gibt es schon ein neues Projekt, auf das wir uns freuen können?




Ich schließe gerade einen szenischen, realistischen Kurzroman ab, der sich thematisch mit dem Thema Mobbing und zerstörerischen Dynamiken unter Schülern auseinandersetzt. Vielleicht lasse ich den aber erstmal in der Schublade, das weiß ich noch nicht.
Ich arbeite zusammen mit einer Drehbuchautorin gerade daran, Highway to Hel verfilmen zu lassen. Wir sind dafür auf der Suche nach einer Produktionsfirma und es wäre so genial, wenn das klappt!





Vielen herzlichen Dank für deine ausführlichen Antworten, liebe Ulrike, wenn die Realisierung einer Verfilmung von Highway to Hel klappt, wäre das großartig, ich mochte auch diese Geschichte von dir sehr.
Hier geht es zu meiner Rezension von "Im Schutzraum" https://lesenswertesausdembuecherhaus.blogspot.com/2025/10/im-schutzraum-von-ulrike-serowy.html

Montag, 13. Oktober 2025

Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code von Richard Osman (Die Mordclub-Serie, Band 5)


In seinem fünften Fall beweist Richard Osman einmal mehr, mit wie viel Herz man einen Krimi schreiben kann. Witz und feine Beobachtungsgabe machen seine Cosy-Crime-Romane aus. „Der unlösbare Code“ lädt erneut ins beschauliche Coopers Chase ein. Wenn es gerade keinen Mord aufzuklären gilt, wird eben geheiratet. Joyces Tochter Joanne heiratet, natürlich an einem Donnerstag. Sie kennt ihren Verlobten Paul zwar noch nicht allzu lang, aber wenn es passt, passt es eben. Auf der Feier tritt Nick, Pauls Trauzeuge, an Elisabeth heran. Sein Leben wird bedroht, und er bittet sie um Hilfe, damit reißt er sie aus ihrer Trauer um Stephen.

Der Donnerstagsmordclub ermittelt wieder.

Nick und seine Kollegin Holly betreiben eine Firma für Cold Storage. Dort bewahren sie unter anderem Bitcoin-Codes auf, die sie vor Jahren als Bezahlung bekamen und die mittlerweile Milliarden wert sind. Kurz nachdem sie die Fühler ausstreckten, wie man diese Werte am besten verkauft, findet Nick eine Bombe unter seinem Wagen. 

Währenddessen plant Fiona mit ihrem Protégé Tia einen Raubzug; dabei wendet sie die Methoden an, die sie von Ibrahim gelernt hat. Ron macht sich Sorgen um seine Tochter Suzi, die mit einem gefährlichen Mann verheiratet ist. Diese Nebenschauplätze fügen sich gut in die Haupthandlung ein und machen die Story erst richtig rund.

Für mich fühlte sich die Lektüre wie ein Wiedersehen mit guten alten Freunden an. Schon mehrfach hat mich die liebenswerte Rentnertruppe um Elizabeth, Joyce, Ron und Ibrahim durch turbulente Mordrätsel begleitet, aber diesmal lag für mich ein besonders anrührender Ton über der Geschichte.

Dabei bleibt die Reihe ihrem Erfolgsrezept treu: Tempo, gewitzte Dialoge und eine Prise britischer Humor sorgen für beste Unterhaltung. Die Kapitel sind kurz und laden ein, „mal eben noch eine Seite“ weiterzulesen  ideal, wenn man sich eine kleine Auszeit vom Alltag gönnen möchte. Besonders gelungen finde ich, wie Osman diesmal ernste und heitere Töne verbindet.

Der Code, um den sich alles dreht, ist vielleicht ein wenig abstrakt, aber das tut der Spannung keinen Abbruch. Viel mehr als technische Details interessieren mich die Dynamik zwischen den Figuren und ihre clever eingefädelten Dialoge. Hier punktet der Club wieder auf ganzer Linie: Freundschaft, Loyalität und Menschlichkeit zwischen Torte, Tee und echter Bedrohung – das ist es, was diese Reihe für mich ausmacht.

Mein Fazit: Für alle, die den Donnerstagsmordclub bereits ins Herz geschlossen haben, ist auch Band fünf ein herzerwärmender Lesegenuss. Und ja: Es tut gut zu sehen, wie das Leben, mit aller Trauer und allem Neuanfang, weitergeht. Richard Osman bleibt für mich eine feste Größe im Cosy Crime, deren Bücher ich nicht missen möchte.


  • Herausgeber ‏ : ‎ List Hardcover
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 25. September 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 3.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3471360654
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3471360651

Sonntag, 12. Oktober 2025

Berliner Werwolf von Stefan Schweizer


Der Titel „Berliner Werwolf“ hat mich dazu gebracht, mir zu überlegen, warum der Autor Stefan Schweizer gerade diesen gewählt hat. Werwölfe stehen für eine Verwandlung unter großem Druck, für ein Leben zwischen Zivilisation und Gefahr. So scheint der Titel den inneren und äußeren Kampf von Gerry Geilen widerzuspiegeln.

Gerry Geilen ist Oberstaatsanwalt. Sein Weg die Karriereleiter hinauf wird gestoppt, als er den Auftrag erhält, rechtspopulistischen Kreisen Sprengstoffanschläge nachzuweisen und gegebenenfalls auch anzuhängen. Der politische Druck wächst, Intrigen und Gewalt werden zu seinem Alltag. Bald wird Geilen klar, dass die größte Bedrohung nicht von außen, sondern aus den eigenen Reihen kommt. Seine Welt gerät aus den Fugen, und er muss Wege finden, um zu überleben.

Stefan Schweizer schildert diese Geschichte mit klarer und präziser Sprache. Die Handlung ist direkt, die Atmosphäre dicht und beklemmend. Zwischen Drogen, Macht und Verrat zeichnet sich ein Bild von Berlin ab, das seine Schattenseiten nicht versteckt. Liebe, Hass und moralische Härte durchdringen die Handlung, ohne dass der Autor sie unnötig verklärt.

Fazit:
Berliner Werwolf ist ein Roman, der in eine dunkle Großstadtwelt eintaucht, in der Moral oft dem Überlebenswillen weicht. Für Leserinnen und Leser, die keine leichte Kost suchen, sondern ein Buch, das gesellschaftliche Abgründe mit literarischem Anspruch erforscht, ist dieser Thriller eine durchaus gute Wahl.



  • Herausgeber ‏ : ‎ MainBook
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 30. September 2024
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 285 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3911008317
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3911008310

Freitag, 10. Oktober 2025

Aga von Agnieszka Lessmann

 

Klappentext: Zwei Mal schon hat sie mit ihren Eltern die Kontinente gewechselt und den Namen gleich dazu. Nun zieht Aga ins »Land der Mörder«, so hat sie es aufgeschnappt. Angekommen in einem Haus der jüdischen Gemeinde, macht sich das kleine Mädchen auf die Suche nach ihnen. Erik Ode, der Kommissar, den sie im Fernsehen kennenlernt, hilft ihr dabei. Lessmanns autobiografisch gefärbter Roman erzählt subtil, wie das Schweigen der Überlebenden den Nachkommen zur Last wird – und wie ihre heranwachsende Hauptfigur in gewitzter Selbstbehauptung die Hoffnung auf Heilung nie aufgibt. Nach der antisemitischen Hetze der Kommunistischen Partei Polens im Jahr 1968, die ihre Eltern zwang, ihre Heimat zu verlassen, kommt Aga über Israel nach Deutschland. Es ist etwas Merkwürdiges mit dem Haus, in dem sie nun wohnt. Es steht neben einer Kaserne, auf deren Tennisplatz amerikanische Soldaten ihre Freizeit verbringen, und dem Garten eines ehemaligen Klosters, in dem Hippies Bäume pflanzen. Dazwischen wuchern die kindlichen Fantasien. Das Verschwiegene bricht sich schließlich Bahn in einem tatsächlichen Mord. Schritt für Schritt beginnt Aga die leeren Stellen in den Erinnerungen zu füllen. Dafür aber muss sie erst ihren richtigen Namen wiederfinden. Mit der Hauptfigur reifen ihre Sprache und ihr Verständnis. Ein Roman über das Schweigen nach der Shoah, und eine Geschichte darüber, was nötig ist, um es zu überwinden. Und auch eine Liebesgeschichte.

Ich liebe dieses Buch. Agas Geschichte hat mich sehr bewegt. Sie muss ihren eigenen Namen finden, mit dem sie sich wirklich identifizieren kann – nachdem sie in verschiedenen Lebenssituationen immer wieder anders genannt wurde. In Polen, das ihre Eltern verließen, weil die kommunistische Partei gegen Juden hetzte und sie unter mehr und mehr Repressalien litten hieß sie  Agnieszka, in Israel änderte sich ihr Name erneut, und schließlich nennen ihre Eltern sie in Deutschland Aga. In der Schule wird sie als Agnes geführt. Dinge kann man irgendwie benennen, sie nehmen es hin. Menschen aber nicht – so habe ich Agas Aussagen verstanden, Menschen brauchen einen Namen, der für immer bleibt.

Aga weiß zunächst wenig darüber, was ihre Eltern und Großeltern und Nachbarn während der Nazizeit erlebt haben. Das kommt erst im Laufe der Erzählung ans Licht. So ist Aga nicht nur auf der Suche nach ihrem Namen, sondern auch nach ihrer Geschichte. Einen besonderen Platz nimmt ihre Freundin Sara ein, die ganz oben im Haus der jüdischen Gemeinde wohnt. Sara muss immer leise sein, weil der "Jäger", der überempfindlich auf jedes Geräusch reagiert, sich sofort gestört fühlt. Über den »Jäger« weiß niemand so recht etwas ,er bleibt unnahbar und geheimnisvoll.

Was mich besonders berührt hat, ist die Geschichte in der Geschichte: Vom Alteisenhändler Itzchock, der zum Lagerverwalter gemacht wird und so ein Leben führen kann, von dem er immer geträumt hat – bis er alles wieder verliert. Diese Geschichte wird durch eine weitere, die von einem kleinen Spatzen handelt, erklärt.

Das Buch zeigt, wie das Schweigen der Überlebenden nachwirkt und welchen Weg Aga gehen muss, um die Leerräume in den Erinnerungen zu füllen und ihre eigene Identität zu finden. Dieses Buch muss man gelesen haben, um zu verstehen, was ich nicht in Worte fassen kann.

 

  • Herausgeber ‏ : ‎ Gans Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Oktober 2025
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 242 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3946392601
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3946392606