Heute habe ich den Horrorautor Iver Niklas Schwarz zu Gast, mit zahlreichen Kurzgeschichten in renommierten Anthologien hat er sich bereits einen Namen in der Horror- und Thriller-Szene gemacht.
Seine Werke vereinen gekonnt Spannung und ein gutes Gespür für das Verborgene.
Guten Morgen Iver Niklas, herzlich willkommen im Buecherhaus, ich freue mich sehr über deinen Besuch, Kaffee, Tee, alkoholfreie Getränke und Kekse stehen bereit, bitte bedien dich.
Bevor wir zu den Fragen kommen, stell dich meinen Lesern doch kurz vor.
Hallo und vielen Dank für die Einladung! Du hast es ja schon gesagt: Ich bin Iver Niklas Schwarz und als Autor auf der eher dunklen Seite des Lebens unterwegs. Gestartet im Horror bin ich als Schriftsteller mittlerweile in allen Genres unterwegs, in denen es düster und geheimnisvoll zugeht. Mein Debütroman „Kummersee“ ist dieser Tage im Ullstein-Verlag erschienen und dürfte wohl am besten als Thriller mit Mystery-Elementen zu beschreiben sein. Davor habe ich im letzten Oktober bei dtv die Anthologie „Das Böse vor deiner Tür“ herausgegeben, in der bekannte deutschsprachige Autor:innen aus Spannung und Phantastik waschechte Horrorstorys geschrieben haben, die hier spielen, vor unserer Nase, statt irgendwo in Übersee.
1.Ich habe mich ja ein bisschen schlau gemacht und gelesen das du Archäologe und Historiker bist, wie hat das deine Arbeit als Autor beeinflusst?
Egal ob im „Brotjob“ oder als Autor: Das Verborgene und Geheimnisvolle interessiert mich. Oftmals ist die Arbeit als Archäologe gar nicht so viel anders als das Schreiben: Man entdeckt ein Fragment, ein Detail einer Geschichte. Das kann ein Knochen im Boden oder eine spannende Szene in einer Story sein. Dann fängt man vorsichtig zu graben an, bis man das große Ganze freigelegt hat. Manchmal war der Knochen nur ein einzelner Knochen und die Szene nicht mehr als eine Szene ohne Zusammenhang. Aber manchmal stößt man auf noch viel mehr, mit dem man nicht gerechnet hätte. Dann wird aus einem Knochen ein ganzer Friedhof und aus einer Szene ein Roman.
2. Gibt es einen Autor oder eine Autorin von denen du besonders beeindruckt wurdest, die dich vielleicht sogar dazu inspiriert haben Schriftsteller zu werden?
Ich müsste lügen, wenn ich das verneinen würde. Mit 11 oder 12 Jahren lag ich meiner Mutter in den Ohren, dass mir langweilig wäre und ich etwas zu lesen haben wolle. Sie schickte mich auf den Dachboden. Dort stand eine Kiste mit alten Taschenbüchern. Darunter fanden sich Schätze wie „Carrie“, „Es“, „The Stand“ und „Friedhof der Kuscheltiere“. Nicht unbedingt altersgerecht, aber ich war völlig fasziniert und habe jedes Buch von Stephen King verschlungen, das ich kriegen konnte. Das hat sogar dazu geführt, dass die Leiterin der Stadtteilbibliothek bei uns zu Hause angerufen hat, um sich zu erkundigen, ob ich all diese gruseligen, brutalen Sachen denn lesen dürfe. Bis heute halte ich Stephen King für einen begnadeten Beobachter, wenn es darum geht, wie menschliches Mit- und Gegeneinander funktionieren. Und sein Buch „Über das Schreiben“ hat mich schließlich dazu gebracht zu sagen: „Warum versuchst du das nicht auch mal?“
An dieser Stelle danke ich dem Meister Stephen King.😊
3.Wenn du nicht schreibst, womit verbringst du deine Zeit?
Wenn ich nicht schreibe oder Geld verdienen muss, bin ich ein ziemlicher Katzennarr und Sportjunkie. Zum Runterkommen lese ich viel und baue außerdem Chilis an. Ich liebe scharfes Essen! Und natürlich verbringe ich auch gern Zeit mit Familie und Freunden, am liebsten draußen in der Natur oder bei Spieleabenden.
4.Als Autor, der sich auf Horror und Thriller spezialisiert hat, was glaubst du, macht eine wirklich gruselige Geschichte aus?
Für eine wirklich gruselige Geschichte braucht man eine Hauptperson, mit der sich die Lesenden identifizieren können. Dieses Gefühl von „das-könnte-ich-sein“ ist elementar wichtig. Dann benötigt man eine Situation, die so alltäglich, harmlos und normal ist, dass man sagst: „Ja, kenn ich! Alles cool!“ Aber dann fängst du an und baust langsam Bruchstellen ein. Kleine Dinge, die nicht in Ordnung sind. Nur ganz beiläufig, nicht zu offensichtlich und nicht zu viel auf einmal. Ins Vertraute schleicht sich etwas Fremdes, Unbekanntes ein, das unsere Selbstsicherheit erschüttert. Urängste funktionieren da super. In der Eröffnungsszene von „Kummersee“ geht ein Geschwisterpaar in einem Waldsee schwimmen. Auf dem Weg zum Baden erzählt Tom seiner kleinen Schwester Lena eine Gruselgeschichte, wie der Kummersee zu seinem Namen gekommen sein soll: Einst sei im See ein Kind ertränkt worden. Lena glaubt ihm kein Wort. Aber als sie ins Wasser steigt, fragt sie sich, was unter ihr ist. Der See ist tief und ihr Blick reicht längst nicht hinab bis zum Grund … Dann streicht unter Wasser etwas an Lenas Bein entlang. Und plötzlich verschwindet der Kopf ihres Bruders in den Wellen. Aus einem sommerlichen Schwimmausflug wird ein Albtraum. Ich denke, das ist ein ganz gutes Beispiel …
5.Du hast mit Wulf Dorn die Anthologie "Das Böse vor deiner Tür" herausgegeben. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit und was war die Inspiration für das Thema?
Schon seit Jahren liege ich meinen Mitmenschen mit der These in den Ohren, dass Horror in deutschsprachigen Settings eine klaffende Lücke im Programm der großen Verlage ist. Man hat immer die Sicherheit des „großen Teichs“ zwischen Geschehen und Lesenden. Pennywise oder Pinhead setzen sich nicht ins Flugzeug, um sich deiner anzunehmen. Das wissen die Leute und das macht die Geschichten aus Übersee – so toll sie auch sein mögen – ein Stück weit weniger „gefährlich“. Darüber kam ich auf einer Party meiner Agentur mit einem Lektor ins Gespräch. Ich schlug vor, das Thema „Horror in Deutschland“ mal mit einer Anthologie zu testen. Der Lektor sagte sinngemäß: „Wenn du Namen mitbringst, mit denen sich so ein Buch verkaufen lässt, versuchen wir es.“ Auf eben jener Party waren jede Menge Autor:innen aus Spannung und Phantastik zu Gast, also habe ich ganz dreist einfach angefangen, die Leute anzuquatschen, obwohl mich als kleiner Debütant da niemand kannte. Am Ende des Abends hatte ich Sarah Bestgen, Wulf Dorn, Andreas Gruber und Uwe Laub an Bord. Zum Glück hatten die auf das Thema genauso Bock wie ich selbst! Tja, und ab da gab es dann für den lieben Oskar, eben jenen Lektor, kein Zurück mehr! Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte.
Sehr gut gemacht, Horrorromane aus den Federn deutschsprachiger Autorinnen und Autoren findet man in den Programmen der großen Verlage viel zu selten. Aber wir haben ja auch immer noch die kleinen Verlage, die Perlen der Verlagswelt.
6. In deiner Kurzgeschichte "Kilometer 267" beschreibst du eine unheimliche Begegnung auf der A7, diese Geschichte verbindet eine alltägliche Situation mit übernatürlichen Elementen Was fasziniert dich an dieser Mischung?
Das Alltägliche „umkippen“ und ins Surreale, Mysteriöse oder gar Albtraumhafte abgleiten zu lassen, ist eine hohe Kunst, die ich bei anderen Autoren von King über Lovecraft bis Hohlbein immer bewundert habe. Das erfordert Detailreichtum, Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Du musst überzeugend lügen können, damit dir jemand abnimmt, dass deine Hauptperson nach einem Unfall auf der Autobahn in einer völlig veränderten Welt aufwacht, in der nichts mehr ist wie zuvor und eine Kreatur fern jeder Vorstellungskraft auf dich Jagd macht. Die Menschen, von denen solche Storys erzählen, dürfen keine Helden sein, keine Superermittler oder Genies. Das müssen normale Leute sein wie du und ich. Gerade das macht für mich dieses Genre an der Grenze zwischen Thriller und Phantastik so reizvoll. Es gibt da einen Schlüsselmoment, den ich unglaublich spannend finde: Wenn die Leser:innen mit ungläubigem Kopfschütteln auf deine Story blicken, du dich über ihre Schulter beugst und ganz leise in ihr Ohr flüsterst: „Und was, wenn doch?“ Das ist genau der Punkt, den ich an solchen Geschichten so sehr liebe!
7. Kommen wir zu deinem Debütroman, der Ende Januar im Ullstein Verlag erschienen ist, nach den vielen erfolgreichen Kurzgeschichten von dir, auf einer Skala von
„Hurra, der Literaturnobelpreis ist mir sicher“ bis „Ohje Ohje, ich verkrieche mich lieber“ wie geht es dir?
Haha, beste Skala ever! Aber ernsthaft: Mir geht es gut. Sehr gut sogar. Endlich, nach all den langen Stunden allein am Schreibtisch, darf „Kummersee“ hinaus in die Welt. Es ist genau das Buch geworden, das ich schreiben wollte und ich bin enorm dankbar, wie reibungslos die Zusammenarbeit mit meinem Verlag abgelaufen ist. Jetzt heißt es abwarten und grünen Tee trinken (mein liebstes Getränk). Dann schauen wir, wie „Kummersee“ so ankommt. Ich bin aber optimistisch, dass es mir gelingen wird, die Leute zu unterhalten, hinters Licht zu führen und zu überraschen.
8. Magst du uns vielleicht ein bisschen was zu „Kummersee“ erzählen?
Klar, gern! Aber statt jetzt den Klappentext herunterzubeten (den findet man ganz schnell im Netz), erzähle ich doch lieber, was nicht hinten auf dem Buchrücken steht: „Kummersee“ ist ein Roman über Trauer und Verlust, über Selbstzweifel und Zweifel an allen anderen, über Traumata und Schuld und Vertrauen. Aber vor allem geht es im Buch um die Frage, was passiert, wenn die Monster unserer Kindheit nie gebändigt und besiegt werden, sondern zusammen mit uns erwachsen werden und mitbestimmen, wie wir die Welt sehen, vor was wir Angst haben und welche Entscheidungen wir treffen. All das erleben wir aus Sicht der Hauptperson Lena und zwar live. Wir werden Zeuge, wie sie nach und nach ein gewaltiges Geheimnis aufdeckt, das in der Frage gipfelt, ob die Monster in unserem Kopf oder die außerhalb davon eigentlich schlimmer sind. „Kummersee“ ist das richtige Buch für euch, wenn ihr es atmosphärisch, düster und beklemmend mögt. Und wenn ihr dann noch Angst vor Wasser haben solltet, ist der Albtraum perfekt!
Hier kommt ihr zu meiner Rezension.
9. Nach dem Buch ist vor dem Buch. Was dürfen wir in diesem Jahr noch von dir lesen? Ist schon etwas geplant?
Tatsächlich stecke ich schon mitten in den Arbeiten zum nächsten Roman für den Ullstein-Verlag. Der kommt aber definitiv erst 2026. Viel darf ich noch nicht verraten. Nur drei Dinge: 1. Es wird keine Fortsetzung, sondern ein Stand-Alone. 2. Es wird ein dickes Buch. Und damit meine ich: wirklich, wirklich dick. 3. Es wird verdammt cool, und das nicht nur umgangssprachlich.
Ich bedanke mich für deinen Besuch und das du meine Fragen so geduldig beantwortet hast. Ich durfte „Kummersee“ mittlerweile schon lesen und bin sehr gespannt was wir in Zukunft noch von dir lesen dürfen.
Dankeschön! Vielen Dank für deine und eure Zeit und das Interesse an „Kummersee“ und meiner Person! Besucht mich gern unter folgenden Links:
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