Warum hat Rufus Scott – ein begnadeter schwarzer Jazzer aus Harlem – sich das Leben genommen? Wegen seiner Amour fou mit der weißen Leona, einer Liebe, die nicht sein durfte? Verzweifelt sucht Rufus' Schwester Ida nach einer Erklärung. Aber sie findet nur Wahrheiten, die neue Wunden schlagen, – auch über sich selbst. Wie ihr Bruder war Ida lange bereit, sich selbst zu verleugnen, um ihren Traum zu verwirklichen, den Traum, Sängerin zu werden. Wie ihr Bruder hat sie ihre Wut auf die Weißen, die sie diskriminieren. Bis jetzt. Baldwin verwickelt uns in ein gefährliches Spiel von Liebe und Hass – vor der Kulisse eines Amerikas, das sich selbst in Trümmer legt.
Der Jazzer Rufus Scott ist am Ende, pleite, arbeits- und wohnungslos irrt er durch sein Leben und durch Harlem, als er Vivaldo einen weißen Freund trifft, nimmt dieser ihn mit nach Hause und in einen Club, es scheint zunächst so, als könne diese Begegnung das Ruder noch einmal herumreißen, doch natürlich ändert sich nichts am Geschehen. Am Ende der Nacht ist Rufus Tod: Der Musiker hat Selbstmord begangen.
James Baldwin ist unzweifelhaft ein begnadeter Schriftsteller gewesen und die Übersetzerin Miriam Mandelkow, hat es geschafft bei mir niemals das Gefühl aufkommen zu lassen eine Übersetzung zu lesen. Gerade bei anspruchsvollerer Lektüre ist es mir wichtig ein Gefühl für den Stil des Autors zu bekommen, die Seele der Geschichte darf nicht verloren gehen und das ist Miriam Mandelkow, soweit ich das als Laie beurteilen kann, sehr gut gelungen.
Baldwins spielt in einer Zeit, die für mich so weit entfernt scheint, wie der Mond, sie ist geprägt von Rassismus und Ausgrenzung, die ich persönlich natürlich nie erlebt habe. Umso schwerer fiel es mir zu verstehen, warum Rufus in manchen Äußerungen seiner weißen Freundin Leona Rassismus herauszuhören, das geht so weit, dass er sie misshandelt. Rufus wird gequält von Selbstzweifeln, er kann seine Liebe zu Leona und ihre Liebe zu ihm nicht mit der vorherrschenden Meinung in Einklang bringen, das diese Liebe von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Leona zerbricht an Rufus, zu schwer wiegen seine seelischen und körperlichen Misshandlungen.
Baldwins Buch handelt aber nicht allein von Rassismus, in seinem Buch geht es auch um Liebe, die Lieben zwischen Männern und Frauen, zwischen Männern und zwischen Schwarzen und Weißen (Und ich steh jetzt vor dem Dilemma, drücke ich mich politisch korrekt aus oder nicht?)
Vor allem geht es um Menschlichkeit, darum das man sich gegenseitig so nehmen sollte wie man ist. Worte und Blicke können verletzen, dafür braucht es keine physische Gewalt.
Ein anderes Land ist eine Geschichte die genauso gut in der heutigen Zeit spielen könnte und das ist das was mich am meisten erschreckte, es hat sich in all den Jahren wenig geändert, immer noch werden Menschen wegen ihrer Hautfarbe oder ihrer Sexualität angegriffen. Baldwin hält in seinen Büchern ein flammendes Plädoyer für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung, allerdings ist dieses Plädoyer geprägt von leisen Tönen, er schreit nicht, er flüstert und man muss ihm genau zuhören.
Ein anderes Land
selten hat ein Titel so sehr zu einer Geschichte gepasst wie dieses Mal. Menschen leben gemeinsam in einem Land und machen doch vollkommen unterschiedliche Erfahrungen nur, weil sich ihre Hautfarbe unterscheidet oder ihre Sexualität nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht. Und wer jetzt sagt: Ja in Amerika ist das vielleicht noch so, hat vielleicht noch nicht versucht mit einem afrikanischen Namen in Deutschland eine Wohnung zu bekommen. Das nennt man dann Alltagsrassismus, der offiziell verboten ist, aber kann man Gesinnung durch Gesetze ändern?
Mir fehlen die richtigen Worte um auch nur annähernd meine Gefühle beschreiben zu können, die ich beim Lesen hatte. Was leibt nach der Lektüre? Vielleicht die Gewissheit, dass wir alle egal wie sehr wir uns Toleranz auf die Fahnen schreiben immer noch an unserer Menschlichkeit und Achtsamkeit arbeiten müssen. Worte verletzen. Wir werden nie in einer Welt leben dürfen in der Äußerlichkeiten egal sind, aber vielleicht unsere Kindeskinder. Diese Hoffnung werde ich nie aufgeben und ich bin davon überzeugt, dass Bücher wie
Ein anderes Land
ihren Teil dazu beitragen.
- Herausgeber : dtv Verlagsgesellschaft (21. Mai 2021)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 576 Seiten
- ISBN-10 : 3423282681
- ISBN-13 : 978-3423282680
- Originaltitel : Another Country

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