Dienstag, 19. Februar 2019

8 Fragen 8 Antworten: Ein Interview mit Stefan Sprang

Heute möchte ich euch, einen der beteiligten Autoren des langen Tags der Bücher genauer vorstellen.

Stefan Sprang, den ihr in der Bildmitte seht.


Das Bild wurde mir von Christiane Busch zur Verfügung gestellt
Wie lernt man einen Menschen am Besten kennen? In dem man sich mit ihm unterhält. Ich hatte auf der Veranstaltung "Der lange Tag der Bücher" ganz kurz die Gelegenheit  mit Stefan Sprang zu sprechen.
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Sein biografischer Roman über Joseph Schmidt "Ein Lied in allen Dingen", erzählt vom Schicksal des Schlager und Opernsängers, der in den 1920er Jahren zum Radiostar wird, die Welt liegt dem knapp über 1,50 Meter großen Sängers zu Füßen. As die Nazis die Macht übernehmen, verpasst Joseph Schmidt den richtigen Zeitpunkt zur Flucht, wie so viele Opfer glaubt er wohl das ihm nichts passieren wird, schließlich war Goebbels einer seiner Fans. Außerdem ist Schmidt sehr an seine Familie gebunden, Stefan Sprang erzählte während der Lesung, dass Schmidt während einer Amerikatournee, täglich mit seiner Mutter telefonierte.
Jetzt aber zu den Fragen, die ich dem sympathischen Autor im Vorfeld per Mail stellte.

1. Für die Leser die Sie noch nicht kennen, beschreiben Sie sich doch bitte in 5 Worten.

Sentimental
Sprachverliebt
Humorvoll-schlagfertig
Hartnäckig
Kulturverrückt

2. In Ihrem Buch: Ein Lied in allen Dingen, erzählen sie von dem Operntenor Joseph Schmidt. Wie kamen sie gerade auf ihn?

Eine verrückte Geschichte. 1992 zog ich mit einem Studienkumpel in eine neue Wohnung in Berlin Neukölln. Wie so oft: Der Vormieter hatte das alles recht fluchtartig hinterlassen. In einer Kammer fanden wir allerlei Dinge: Alte Schlittschuhe, Mörtel – und ein Doppelalbum mit Joseph Schmidts „Hits“. Aus Neugier habe ich mich bald durch die Platte gehört. Und war sofort hin und weg. Diese wirklich engelgleiche Stimme. Weder war ich damals großer Opernfan, noch waren alte und neue Schlager Bestandteil meines Plattenschranks. Aber dieser der Stimme konnte ich mich nicht entziehen. Selbst aus Kitsch machte Schmidt wie tief empfundene seelenvolle Musik. Alles klang zugleich so leicht und uneitel und einfach mitreißend. Ich dachte sofort: „Der liebt das bedingungslos, was er da macht. Und der liebt die Menschen, für die er da singt.“ Und dann las ich auch noch im Plattencover den Abriss von Schmidts bewegt-tragischer Lebensgeschichte. Damals wusste ich: Irgendwann will ich daraus „was machen“. Und einen biographischen Roman habe ich dann schlussendlich draus gemacht mit wirklich langem Anlauf.


3. Glauben Sie das Ihr Buch etwas in den Lesern bewegt, den einen oder anderen vielleicht auch zum Umdenken bewegt?

Ja, doch, die Hoffnung ist ja immer da. Bewegen wird diese Geschichte, allein weil Schmidts Leben so früh und tragisch endet. So oft will man ihm zurufen: „Bring dich in Sicherheit, bleibe in Amerika“. Er kehrt zurück nach Europa. Was das Umdenken bewegt. Na ja, mit dem Schriftsteller und seinem Publikum ist es ja eigentlich wie mit dem Pfarrer und der Kirchengemeinde. Diejenigen, die meinen Roman lesen werden, sind sicher allermeistens tolerante weltoffene neugierige Menschen. Aber, das kann Literatur dann schon. Die Leserinnen und Leser darin bestärken, tolerant zu bleiben, offen zu bleiben, neugierig zu bleiben und menschenfreundlich. So, wie Joseph Schmidt ein großer Menschenfreund war, einer, der nicht geklagt und aus egoistischen Motiven gehandelt hat.

4. Was macht Stefan Sprang, wenn er nicht schreibt?

Geld verdienen muss sein, das geht mit der Literatur nun leider nicht. Ich bin freier Hörfunkjournalist beim Hessischen Rundfunk und dort bei der Hörfunkwelle hr1 als Redakteur und Autor von ganz unterschiedlichen Beiträgen. Aber ich koche auch gerne, gehe gerne Essen – Küche, Kochen, leckere Speisen und Rezepte aus aller Welt, das ist so meine weitere Leidenschaft. Vielleicht, weil Kochen ja durchaus viel mit Schreiben gemeinsam hat. Es braucht Kreativität, konzentriertes Vorgehen, die richtig abgestimmten Bestandteile. Dazu die individuelle Note, der „Stil“. Und, klar, ich höre reichlich Musik. Oper und klassische Musik mag ich, aber mein absoluter Favorit ist und bleibt Jazz. Da höre ich jeden Tag Platten, suche bei YouTube-Konzerte raus oder höre einfach meinen polnischen Jazzsender. Dann gehe ich so oft wie möglich zu Sessions und Konzerten. Mein erster Roman dreht sich ja auch um diese „Lebensmusik“. „Fred Kemper und die Magie des Jazz“. Denn können aber auch Menschen genießen, die sich mit Jazz überhaupt nicht auskennen. Zumal es auch um die Geschichte eines Mannes geht, der ein unglaubliches Talent hat als Musiker, dann aber aufhört, weil er das Risiko eines Jazzerlebens scheut. Manchmal muss man auch einfach nur die Wohnung putzen – oder sich auf der Couch lümmeln und eine Serie bei „Netflix“ gucken. Es stimmt, da laufen so gute Produktionen, die machen der Literatur wirklich Konkurrenz …

5. Was lesen Sie um abzuschalten?

Ne, Krimi nicht mehr so. Als Teenager habe ich die aber sehr gemocht. Raymond Chandler, Dashiell Hammett. Jetzt lese ich zum Abschalten tatsächlich Klassiker. Romane, Erzählungen aus den alten Zeiten. Gerade habe ich „Das Adelsgut“ von Iwan Turgenjew gelesen, eine tragische Liebesgeschichte. Mein Lieblingsbuch ist „Die Liebe am Nachmittag“ von dem Ungar Ernö Szép. Überhaupt, da gibt es eine tolle Generation von ungarischen Schriftstellern. Aber auch alles von Truman Capote habe ich verschlungen. Und woran ich hartnäckig arbeite: Bis zur Rente in sechzehn Jahren will ich mit Proust „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ durch sein. Aber das ist echt kein Spaß. Manchmal kann man dabei abschalten, aber manchmal auch nicht, weil es so vertrackt ist. Auf jeden Fall mag ich das olle Zeug. Und manchmal denke ich: „Früher war nicht alles besser, aber die Literatur dann doch ziemlich oft.“

6. Sie veröffentlichen im Größenwahnverlag, sind Sie auch etwas größenwahnsinnig oder wie kamen Sie gerade auf den Verlag?

Ach, ich bin Jungfrau-Geborener. Und die sind ja zurückhaltendere Typen. Manchmal wünsche ich mir mehr „Größenwahn“. Oder einfach Mut. Dann könnte ich als Schriftsteller vielleicht schon weiter sein. Hätte mehr Aufmerksamkeit und vielleicht auch schon ein oder zwei Bücher mehr. Zu „Größenwahn“ und seinem tollen sympathischen Team bin ich gekommen durch eine Einladung. Der Verlag macht mit bei einem großartigen Format, der „Tea Time“. Literaturfreundinnen und -freunde vom Redakteur bis zur Buchhändlerin besprechen am Sonntagnachmittag bei Tee und reichlich Gebäck und Schnittchen Bücher und Hörbücher. Ich bin ja auch der Literaturonkel von hr1. Und in der Funktion war ich zweimal dabei. So ist der Kontakt entstanden.

7.Nach dem Buch, ist vor dem Buch. Woran arbeiten Sie gerade?

Es soll eine Art Kammerspiel werden. Eine Mann-Frau-Geschichte der etwas anderen Art, alles in der Gegenwart. Keine ausufernden Recherchen, in denen man sich verlieren kann, wenn man einen historischen Stoff bearbeitet. Das ist spannend, man lernt viel. Aber ich bin sehr detailverliebt und will keine Fehler machen (mache ich dann trotzdem). Da kann man dann schon mal zwei Stunden damit verbringen, zu gucken, wann welche Straße wie hieß oder wie teuer eine U-Bahnkarte 1925 war. Oder ob man in der Schweiz auf einer bestimmten Bahnstrecke 1942 schon elektrische Lokomotiven hatte. Außerdem soll der neue Roman deutlich kürzer werden. Es soll gehen um Einsamkeit, aber auch um die Kommerzialisierung unserer Lebensverhältnisse.
Aber ich habe auch noch die Idee für einen Theatermonolog in der Nachfolge meines Stücks „helden: tot“. Da wäre das große Schlagwort: „Würde“.

8. Was wünschen Sie sich von Ihren Lesern?



Bitte lesen, lesen, lesen. Neugierig und der Literatur treu bleiben, aber auch mal gnädig in der Kritik. Schreiben ist schön, aber auch schrecklich. Es dauert. Und es ist so einsam. Darum beneide ich die Jazzmusiker so. Da gibt es abends eine Session. Einer kommt aufs Podium, da wird sich kurz ausgetauscht. Die Standards kennt man. Schon geht es los. Und vielleicht erst am Ende stellt der Neue sich den anderen vor: „Ich bin übrigens …“ Aber gut, ich kann nicht mal Noten lesen. Bleibt nur das Schreiben.

Und hier habe ich noch den Link zu einem sehr interessanten Podcast auf HR1 für euch.
https://www.hr-inforadio.de/podcast/kulturlust/index.html

Ich bedanke mich herzlich für Gelegenheit dieses Interview zu führen, ich hatte mir doch recht spontan überlegt, die Fragen per Mail zu stellen, zu deren Beantwortung Stefan Sprang sofort bereit war.
Wenn ihr neugierig auf das Buch geworden seid, mit einem Klick auf das Cover gelangt ihr direkt zur Verlagsseite.

Meine Rezension zu diesem besonderen Buch:

Klappentext:

Sein Leben war selbst wie eine große tragische Oper. Der jüdische Tenor Joseph Schmidt wird Ende der 1920er Jahre zum Radiostar und Liebling des Publikums, nicht nur in Deutschland. Ob als Opernsänger, Schlagergott oder Filmheld, er hat weltweit Erfolg – und viele Liebschaften und Affären. Als die Nazis die Macht übernehmen, unterschätzt Schmidt die Gefahr für sein Leben. Statt sich rechtzeitig in die USA abzusetzen, beginnt er eine Flucht durch Europa, die in der Schweiz tragisch endet. Stefan Sprang (hr) erzählt in atmosphärisch dichten Szenen und mit einem musikalisch-poetischen Sound einen Roman über das menschliche Schicksal. Eine Hymne an den Künstler, der mit Leidenschaft Welterfolge gesungen hat wie »Ein Lied geht um die Welt«, »Heut´ ist der schönste Tag in meinem Leben« oder »Ein Stern fällt vom Himmel«.


Joseph Schmidt war ein Star seiner Zeit – ein Publikumsliebling, dessen außergewöhnliches Talent ihn sowohl als Opernsänger als auch als Schlagerstar berühmt machte. Selbst Joseph Goebbels schätzte seine Stimme und war bei der Uraufführung des Films »Ein Lied geht um die Welt« am 9. Mai 1933 anwesend. Dieser Film stellte einen Höhepunkt in Schmidts Karriere dar und ließ ihn glauben, dass er durch Goebbels' Unterstützung vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten geschützt sei. Diese Annahme erwies sich jedoch nach seiner Rückkehr aus Amerika schnell als Trugschluss.


In seinem biografischen Roman hat Stefan Sprang eindringlich das Leben dieses Ausnahmekünstlers beschrieben – ohne in Pathos oder Kitsch abzudriften. Er schafft es, Schmidts innere Konflikte und seine tragische Realität während der NS-Zeit authentisch darzustellen.

 Sprangs Schreibstil zeichnet sich durch eine eindringliche Sprache aus, die es dem Leser ermöglicht, die emotionale Tiefe von Schmidts Leben nachzuvollziehen. Die Mischung aus Fakten und Fiktion ist ihm sehr gut gelungen.  Der Roman ist ein bedeutendes Werk, das an die Vergangenheit erinnert. Ein Roman gegen das Vergessen, dem ich gern eine absolute Leseempfehlung ausspreche.



    2 Kommentare:

    1. wie er sich selber beschreibt ist ja echt spannend. Er sagt mir 5 Worten eine ganze Menge. Auch, wie er auf das Thema kam, klingt interessant. Und jetzt schaue ich mal bei youtoube, ob man etwas von diesem Sänger findet. Danke für dden schönen Beitrag

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    2. tatsächlich: Hör mal hier

      https://www.youtube.com/watch?v=7XERWuhS_n0

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