Montag, 7. September 2026

Rezension: Seizouh – Das Urteil der Rune von Fabiano Docimo


Fabiano Docimos „Seizouh – Das Urteil der Rune“ ist für mich ein Fantasy-Auftakt, der vor allem durch seine besondere Atmosphäre im Kopf bleibt. Es ist nicht unbedingt die Art von Fantasy, die ich sonst ab und zu lese, und gerade deshalb hat mich die Geschichte neugierig gemacht.

Handlung und Setting: Eine von heiligen Runen geschützte Fantasy-Welt

Die Handlung spielt in einer Welt, die durch heilige Runen vor der Dunkelheit geschützt wird. Im Mittelpunkt steht der junge Seizouh, der im Tempel seines Großvaters Pelbar aufwächst. Sein Leben besteht dort hauptsächlich aus Training, Disziplin und der Frage, welchen Platz er eigentlich in dieser Welt einnehmen soll.

Atmosphäre, asiatische Einflüsse und der Protagonist im Fokus

Besonders gut gefallen hat mir die Stimmung des Buches. Die Tempel, Prüfungen, alten Schriften und die geheimnisvolle Atmosphäre rund um den Wald haben etwas Ruhiges, aber gleichzeitig Bedrohliches. Dabei wirkt die Welt nicht unnötig überladen. Auch der asiatisch angehauchte Einfluss hat für mich gut dazu gepasst und dem Ganzen einen eigenen Charakter gegeben, ohne dabei zu klischeehaft zu wirken.
Seizouh selbst war mir als Protagonist sympathisch. Er ist kein typischer Held, der von Anfang an alles kann und genau weiß, was er will. Er zweifelt, macht Fehler und muss seinen Weg erst noch finden. Genau das fand ich eigentlich ganz angenehm, weil er dadurch menschlicher wirkt. Auch sein Großvater Pelbar ist mir im Gedächtnis geblieben. Selbst kleine Dinge wie seine Pfeife geben ihm irgendwie Persönlichkeit.

Schreibstil und Magiesystem: Meine Kritikpunkte zum Buch

Beim Schreibstil hatte ich allerdings am Anfang ein bisschen meine Schwierigkeiten. Einige Sätze wirkten auf mich zunächst etwas steif und ich musste erst in die Sprache hineinfinden. Mit der Zeit wurde das aber besser, vor allem als die Handlung mehr Fahrt aufgenommen hat. Dann ließ sich das Buch deutlich flüssiger lesen und auch die Spannung nahm spürbar zu.
Die Magie ist eher zurückhaltend gestaltet und nicht bis ins kleinste Detail erklärt. Mir persönlich hat das eigentlich ganz gut gefallen, auch wenn sich Leser, die komplexe Magiesysteme mögen, vielleicht etwas mehr wünschen könnten. Was mir dagegen gefehlt hat, war eine kleine Übersicht oder ein Glossar. Bei manchen Begriffen oder Gegenständen musste ich während des Lesens kurz überlegen, was genau damit gemeint war. Auch einige Nebenfiguren blieben für meinen Geschmack gerade am Anfang noch etwas blass. Da hätte ich mir stellenweise etwas mehr Tiefe gewünscht.

Fazit: Ein kompakter Fantasy-Auftakt mit 4 von 5 Sternen

Mit ungefähr 300 Seiten ist das Buch angenehm kompakt und hinterließ bei mir nicht das Gefühl, unnötig in die Länge gezogen zu werden. Das Ende macht auf jeden Fall neugierig auf den nächsten Band. Der Cliffhanger kam für mich nicht völlig unerwartet, hat aber trotzdem seinen Zweck erfüllt: Ich möchte wissen, wie es weitergeht.
Insgesamt hatte ich mit „Seizouh – Das Urteil der Rune“ eine interessante Leseerfahrung. Es ist sicher kein perfekter Fantasy-Auftakt und gerade beim Einstieg braucht man ein wenig Geduld, aber die besondere Atmosphäre, die Welt und vor allem Seizouh selbst haben dafür gesorgt, dass ich gerne weitergelesen habe.

Von mir gibt es deshalb 4 von 5 Sternen. Ein etwas holpriger Start, aber eine Welt, in die ich durchaus gerne zurückkehren möchte.

  • ASIN ‏ : ‎ B0H6LN6BD1
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 3. Juli 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 302 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8184034768

Kurze Tage des Glücks von Alexander Häusser

Beim Titel „Kurze Tage des Glücks“ denkt man vielleicht im ersten Moment an eine leichte Liebesgeschichte. Doch das ist dieser neue Roman von Alexander Häusser ganz und gar nicht. Es ist ein tiefgründiges Buch über Liebe, Verlust, Trauer, Schuld und das Überleben nach einem schweren Schicksalsschlag. In meiner Rezension erfährst du, warum mich dieses historische Drama so stark bewegt hat.
Worum geht es in „Kurze Tage des Glücks“?
Die Handlung spielt im Bremerhaven der 1930er-Jahre. Die Hauptperson Annegret lebt dort mit ihrem Mann Richard und dem kleinen Sohn Karl. Die Familie hat ihr kleines Glück gefunden – bis dieses durch den plötzlichen Unfalltod des kleinen Karls komplett zerstört wird.
Für Annegret bricht eine Welt zusammen. Sie zieht sich immer mehr zurück, findet keinen Weg aus der Trauer, versucht sich das Leben zu nehmen und landet schließlich in der Psychiatrie. Der Autor Alexander Häusser beschreibt diese tragische Entwicklung sehr ruhig und ohne große Worte. Genau diese emotionale Zurückhaltung macht Annegrets Verzweiflung beim Lesen besonders spürbar.
Vielschichtige Charaktere im emotionalen Ausnahmezustand
Die Figurenentwicklung ist für mich die größte Stärke des Romans:
  • Annegret: Sie ist für mich die eindrucksvollste Figur. Sie wirkt unsicher sowie zerbrechlich und möchte einfach nur alles richtig machen.
  • Richard: Auch er kämpft schwer mit dem Verlust. Er liebt seine Frau, ist aber völlig überfordert und flüchtet in die Arme einer Prostituierten. Die Verantwortung für die entlassene Annegret überlässt er der Nachbarin Maria. Das macht ihn nicht sympathisch, aber absolut menschlich. Er versucht auf seine eigene, unvollkommene Art, mit dem Schmerz klarzukommen.
  • Erich: Er hat den Unfall zufällig miterlebt. Aus dieser Begegnung entsteht eine besondere Verbindung. Erst kümmert er sich um die Logistik des Schmerzes (die Gerichtsmedizin), später entwickeln sich langsame, zarte Gefühle zwischen ihm und Annegret. Über Erichs Rolle erfahren wir am Ende noch Überraschendes – weshalb ich hier nicht zu viel vorwegnehmen möchte.
Das Besondere: Es fühlt sich nie wie eine typische, kitschige Liebesgeschichte an. Vielmehr stellt der Roman die universelle Frage, ob nach einem so großen Verlust überhaupt wieder Vertrauen, Nähe und echte Gefühle möglich sind.
Die bedrohliche Atmosphäre der 1930er-Jahre in Bremerhaven
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor des Buches ist die historische Kulisse. Die Handlung beginnt zu einer Zeit, in der die Nationalsozialisten immer mehr Einfluss gewinnen. Sogenannte „Hakenkreuzler“ gehören zum Stadtbild. Die Menschen müssen vorsichtig sein, was sie sagen und wem sie vertrauen.
Besonders fasziniert hat mich, wie Alexander Häusser die politische Entwicklung einwebt. Sie bleibt nicht einfach nur stumpfer Hintergrund, sondern wird für die Figuren spürbar bedrohlicher, ohne sich unnatürlich in den Vordergrund zu drängen.
Eine Szene blieb mir dabei nachhaltig im Gedächtnis: Als die Nachbarin Maria nach ihrem Namen gefragt wird, entstand in meiner eigenen Vorstellung sofort das Bild eines abwertenden Naserümpfens des Fragenden. Obwohl das so nicht im Buch steht, vermittelt der Erzählstil diese Atmosphäre von Misstrauen und latenter Bedrohung perfekt.
Mein Fazit zu „Kurze Tage des Glücks“
„Kurze Tage des Glücks“ ist kein langes Buch, aber ein Roman, der im Kopf bleibt und lange nachwirkt. Mich hat die Geschichte beim Lesen intensiv beschäftigt. Sie wirft existenzielle Fragen auf: Wie kann man nach einem solchen Verlust überhaupt weiterleben? Ist es möglich, irgendwann wieder glücklich zu sein, ohne das Vergangene zu vergessen?
Für Fans von anspruchsvollen historischen Romanen und emotionalen Familiendramen ist dieses Buch eine absolute Leseempfehlung.
Meine Bewertung: ⭐⭐⭐⭐⭐ (5 von 5 Sternen)

  • Herausgeber ‏ : ‎ Pendragon
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 7. September 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 164 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3865329667
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3865329660
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 16 Jahren

Albert Nobbs: Novelle von George Moore


Werbung – Rezensionsexemplar

Die Novelle „Albert Nobbs“ von dem irischen Autor George Moore wurde zuerst in der Kurzgeschichtensammlung A Story-Teller’s Holiday veröffentlicht. Später überarbeitete Moore den Text und veröffentlichte ihn im Erzählband Celibate Lives. Nun legt der Pendragon Verlag die kurze, aber eindringliche Novelle neu auf. Obwohl sie vor mehr als hundert Jahren entstand, wirkt ihre zentrale Frage noch immer aktuell: Wie viel von der eigenen Identität muss ein Mensch aufgeben, um in einer Gesellschaft bestehen zu können?

Alberts Entscheidung, als Mann zu leben, ist vor allem eine bittere Notwendigkeit. Als Frau hätte sie im Irland des 19. Jahrhunderts kaum Möglichkeiten gehabt, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Der Preis dafür ist hoch: Albert lebt isoliert und hat sich immer weiter von anderen Menschen entfernt.


Die Erzählstimme beschreibt Albert als hager und unscheinbar und erzählt rückblickend von einem stillen Menschen, vor dem sie als Kind sogar Angst hatte. Dadurch entsteht von Anfang an Distanz, aber auch Neugier auf die Person hinter dieser unscheinbaren Erscheinung.

Als Hubert Page in Alberts Zimmer und Bett einquartiert wird, kommt das Geheimnis durch einen kleinen Floh ans Licht. Der Floh beißt Albert, und Hubert erkennt, dass hinter dem Kellner eine Frau steckt, die seit Jahren als Mann lebt. Diese beinahe absurde Situation fand ich auf tragische Weise amüsant, denn ausgerechnet ein Floh bringt Alberts sorgfältig verborgenes Geheimnis zum Vorschein.

Die Begegnung mit Hubert lässt Albert von einem anderen Leben träumen. Ein eigener Laden, eine Wohnung, ein gemeinsames Leben und sogar ein Kind erscheinen plötzlich möglich. Doch nach all den Jahren sind Vorsicht und Zurückhaltung zu festen Bestandteilen ihres Lebens geworden. Nähe wird deshalb zugleich zur Hoffnung und zur Bedrohung.

Besonders eindrucksvoll zeigt Moore, wie sehr die angenommene Identität Albert verändert hat. Aus der Verkleidung ist längst eine Lebensweise geworden. Albert vermeidet Aufmerksamkeit, hält Gefühle zurück und lebt möglichst unauffällig. Moore erzählt dabei in einer nüchternen, distanzierten Sprache. Gefühle werden nicht erklärt, sondern zeigen sich in kleinen Gesten und in dem, was unausgesprochen bleibt. Gerade dadurch wirkt die Novelle so beklemmend.

„Albert Nobbs“ ist keine moderne Identitätsgeschichte und sollte im historischen Kontext gelesen werden. Trotzdem berührt Moore Themen, die bis heute aktuell sind: gesellschaftlicher Druck, eingeschränkte weibliche Lebensmöglichkeiten, wirtschaftliche Abhängigkeit und die Frage, wie frei ein Mensch sein kann, wenn er einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit verstecken muss.

Die Novelle ist still, melancholisch und nachdenklich stimmend. Sie liest sich schnell, bleibt aber lange im Kopf. Alberts Einsamkeit und ihr Wunsch nach einem sicheren Platz im Leben machen die Geschichte berührend. Kleine, beinahe absurde Momente wie die Flohgeschichte geben der ansonsten tragischen Handlung zugleich etwas Leichtigkeit.

George Moore zeigt eindringlich, dass gesellschaftliche Zwänge Menschen dazu bringen können, sich selbst zu verleugnen. Ein äußerlich geordnetes Leben bedeutet deshalb nicht automatisch ein erfülltes Leben.

Eine interessante Wiederentdeckung für alle, die klassische Literatur, historische Gesellschaftsbilder und Geschichten über ungewöhnliche Lebenswege mögen.


  • ASIN ‏ : ‎ B0H629WR61
  • Herausgeber ‏ : ‎ PENDRAGON Verlag
  • Barrierefreiheit ‏ : ‎ Erfahre mehr
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 7. September 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3865329752

Rezension: „Dreizehn“ von M.H. Steinmetz

 

Buchcover von Dreizehn von M.H. Steinmetz, Thriller

Wer Mario H. Steinmetz kennt, denkt wahrscheinlich zuerst an seine düstere Endzeit-Reihe „Totes Land“ oder an den okkulten Horror aus „Hell’s Abyss“. Mit „Dreizehn“ schlägt der Autor jedoch eine etwas andere Richtung ein. Herausgekommen ist ein finsterer Mix aus Ermittlerkrimi, Psychothriller, Horror und altägyptischer Mythologie.

Worum geht es in „Dreizehn“ von M.H. Steinmetz? Die Handlung

In London erschüttert eine brutale Mordserie die Stadt. Detective Sergeant Ethan Ward von New Scotland Yard übernimmt den Fall und steht schon bald vor einem Rätsel. Die Opfer wurden nicht nur grausam zugerichtet, der Täter hat ihnen außerdem winzige, uralte Symbole in die Haut geritzt. Eine logische Erklärung dafür scheint zunächst nicht in Sicht zu sein.

Ward und Horvat: Ein ungleiches Ermittlerduo in London

Unterstützung bekommt Ward von Natascha Horvat. Sie ist Graphologin, ausgesprochen eigenwillig und eckt mit ihrer unkonventionellen Art regelmäßig an. Mir war sie allerdings sofort sympathisch. Gerade die Zusammenarbeit mit Ward hat mir gut gefallen, denn hier prallen zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander.

Das Rätsel um die Courtsend-Psychiatrie und Patientin „Dreizehn“

Die Spuren führen Ward und Natascha schließlich auf die abgelegene Insel Foulness Island und in die Courtsend-Psychiatrie. Dort herrscht der ominöse Doktor Botkin, der seine Patienten nicht mit Namen, sondern nur mit Nummern bezeichnet. Eine dieser Patientinnen ist „Dreizehn“.
Obwohl sie unter Medikamenten steht und in einer Gummizelle festgehalten wird, weiß sie erstaunlich viel über die Morde. Dinge, die sie eigentlich gar nicht wissen dürfte. Doch woher stammen ihre Informationen? Und was hat es tatsächlich mit dieser geheimnisvollen Patientin auf sich?

Atmosphäre, Mythologie und Kritik: Meine Meinung zum Buch

Mario H. Steinmetz versteht es, eine beklemmende Atmosphäre aufzubauen. Das zeigt sich besonders in den Szenen rund um die Courtsend-Psychiatrie. Die Anstalt ist für mich nicht bloß der Schauplatz der Handlung, sondern wirkt beinahe wie ein eigener, bösartiger Charakter.
Das harte Regime, die abgeschiedene Lage und die namenlosen Insassen sorgen für eine bedrückende Stimmung. Dazu kommen die okkulten Elemente und die Einbindung der altägyptischen Mythologie.
Ein bisschen Geduld sollte man allerdings mitbringen. Ab und zu verliert sich die Geschichte für meinen Geschmack stellenweise zu sehr in ihren Details. Dadurch zieht sich die Handlung etwas, bevor sie wieder richtig Fahrt aufnimmt. Die mythologischen Hintergründe und übernatürlichen Wendungen haben mir allerdings gut gefallen, passen sie doch zur düsteren Atmosphäre des Romans. Trotzdem war nicht jede Passage gleich spannend, und an manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Tempo gewünscht.
Was mich allerdings wirklich gestört hat, ist der Umgang mit dem Thema Schizophrenie. Im Klappentext heißt es schon: „Verbirgt sich hinter ihrer Schizophrenie mehr als nur eine gespaltene Persönlichkeit?“
Genau diese Formulierung finde ich problematisch, denn Schizophrenie und eine gespaltene beziehungsweise multiple Persönlichkeit sind nicht dasselbe, sondern zwei völlig unterschiedliche Krankheitsbilder. Ich weiß, dass der Satz vermutlich geheimnisvoll klingen und neugierig auf Dreizehn machen soll. Trotzdem sollte ein Autor bei einem derart sensitiven Thema genauer formulieren.

Fazit: Lohnt sich der neue Thriller von Mario H. Steinmetz?

„Dreizehn“ ist definitiv kein Buch für schwache Nerven. Die Handlung ist blutig, düster und teilweise ziemlich verstörend. Wer sich aber auf einen komplexen Thriller mit Horror, Okkultismus und einer ordentlichen Portion Mythologie einlassen kann, bekommt hier eine ungewöhnliche und atmosphärische Geschichte.
Besonders die düstere Psychiatrie, die rätselhafte Patientin Dreizehn und das Ermittlerduo Ward und Horvat sind mir im Gedächtnis geblieben. Trotz einiger Längen konnte mich der Roman insgesamt überzeugen.
Ein atmosphärischer Trip in menschliche und übernatürliche Abgründe.
Perfekt für: Alle, die düstere Thriller mit Horror, Okkultismus und ungewöhnlichen Ermittlungen mögen.

📚 Fakten zum Buch

  • Titel: Dreizehn
  • Autor: M.H. Steinmetz
  • Herausgeber: Independently published
  • Erscheinungstermin: 5. September 2019
  • Sprache: Deutsch
  • Seitenanzahl: 488 Seiten (Print-Ausgabe)
  • ISBN-10: 168980033X
  • ISBN-13: 978-1689800334

Samstag, 5. September 2026

Rezension: Ihr kriegt uns hier nicht raus von Selim Özdogan (Autor)


Ich habe „Ihr kriegt uns hier nicht raus“ von Selim Özdogan gelesen und war am Ende einfach froh, dieses Buch entdeckt zu haben. Es ist eine Geschichte, die mich an vielen Stellen sehr berührt hat, ohne dass der Autor das Gefühl vermittelt, krampfhaft etwas besonders Wichtiges oder tiefgründig Konstruiertes daraus machen zu müssen.

Zwei Welten unter einem Dach

Die Handlung führt uns in die frühen 80er Jahre. Eine türkische Arbeiterfamilie zieht nach Köln. Zunächst wohnen sie in einer winzigen Wohnung und landen später ausgerechnet in einem besetzten Haus. Zu Beginn sind nur Merter, seine Frau Damla und ihr Sohn Baran in Deutschland. Den älteren Sohn Orkun lassen sie bei der Großmutter Berfin in der Türkei zurück. Sie kommen erst später ebenfalls nach Köln.
Im besetzten Haus treffen die Konaks auf die Hausbesetzerszene mit all ihren Plenen, Demos und endlosen politischen Diskussionen. Zwei Lebenswelten, die eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen, teilen sich plötzlich ein gemeinsames Dach.
In der Story folgen wir vor allem Baran, der in diesem ungewöhnlichen Mix aus traditioneller Familie und linksautonomer Hausgemeinschaft aufwächst. In der Schule fällt er durch sein gutes Deutsch auf, zu Hause lebt er in einer türkisch und kurdisch geprägten Familienwelt und nebenan bekommt er ganz andere Vorstellungen von Politik, Freiheit und Zusammenleben mit. Dazwischen versucht er, auf seiner Melodica einen eigenen Klang zu finden. Für mich ist das eine sehr schöne Metapher für das gesamte Buch, da Baran versucht herauszufinden, wo er eigentlich hingehört.

Unaufgeregt und nah an den Figuren

Was mir besonders gefallen hat, ist die Ruhe, mit der Selim Özdogan diese Geschichte erzählt. Es gibt keine großen moralischen Appelle und keine langen Abhandlungen darüber, wie man Migration oder Politik zu verstehen hat. Stattdessen zeigt der Roman einfach das alltägliche Miteinander. Die Menschen streiten, sie nerven sich, sie verstehen sich manchmal überhaupt nicht, und trotzdem entsteht mit der Zeit ein spürbarer Zusammenhalt.
Die Szenen in der Hausbesetzung sind wunderbar eingefangen. Die endlosen Diskussionen und die Mischung aus Idealismus und ganz normalem Alltag versetzen den Leser schnell in diese Zeit. Es geht immer um die Menschen selbst, um ihre alltäglichen Sorgen, ihre Eigenheiten und ihre kleinen Erfolge.
Besonders stark gezeichnet ist Merter, Barans Vater. Auf den ersten Blick wirkt er nicht unbedingt wie ein fürsorglicher Vater. Er ist eher streng, manchmal etwas hart und zeigt seine Gefühle selten offen. Gleichzeitig merkt man aber immer wieder, wie viel er im Hintergrund für seine Familie tut. Und das nicht nur für die eigenen Verwandten. Er nimmt Marita in seinen Haushalt auf, obwohl die Familie schon sehr beengt wohnt. Er macht daraus kein großes Ding und erwartet keine Anerkennung. Genau das macht ihn als Charakter so glaubwürdig. Seine Fürsorge zeigt sich nicht in großen Worten, sondern im handfesten Handeln.
Fast schon amüsant war für mich, als er für ein Hoffest ein Schaf spendet, das er eigentlich schon verkauft hat und das nicht abgeholt wurde. Dem Käufer erstattet er einen Bruchteil des Kaufpreises, aus reiner Menschenfreundlichkeit natürlich, weil er es ja "entsorgen" musste. 😀
Interessant fand ich die Rolle der Mutter Damla. Obwohl sie für das Gefüge der Familie unheimlich wichtig ist, blieb sie für mein Empfinden beim Lesen nie so richtig greifbar oder präsent.
Auch Barans Perspektive hat mich überzeugt. Man spürt seine Zerrissenheit zwischen den verschiedenen Welten, ohne dass diese ständig künstlich dramatisiert wird. Er versucht einfach, seinen Platz zu finden  in der Familie, in der Hausbesetzung, in der Schule und letztlich bei sich selbst.

Mein Fazit

„Ihr kriegt uns hier nicht raus“ ist eine Empfehlung für alle, die Geschichten abseits der bekannten Muster suchen. Eine migrantische Familie wird hier nicht als isoliertes Schicksal dargestellt, sondern als Teil einer größeren, manchmal chaotischen Gemeinschaft.
Mir hat außerdem gefallen, dass das Buch soziale und politische Themen aufgreift, dem Leser aber die Freiheit lässt, sich selbst ein Urteil zu bilden. Die Figuren dürfen widersprüchlich sein, was einen großen Teil des Reizes ausmacht. Dass sich gegen Ende andeutet, dass Baran seinen eigenen Weg gehen wird, gibt der Suche nach seinem eigenen Klang noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Eine Stelle ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben:
„...aber er möchte mit diesen Händen weder Menschen behandeln noch Geld zählen.“
Darin steckt viel von Barans Entwicklung. Er weiß vielleicht noch nicht genau, wohin er will, aber er beginnt zu wissen, was er nicht möchte. Wer Romane mag, die gesellschaftliche Themen feinfühlig aufgreifen, ohne belehrend zu wirken, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.

  • Herausgeber ‏ : ‎ Kanon Verlag Berlin
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. August 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3985682208
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3985682201