Ich habe „Ihr kriegt uns hier nicht raus“ von Selim Özdogan gelesen und war am Ende einfach froh, dieses Buch entdeckt zu haben. Es ist eine Geschichte, die mich an vielen Stellen sehr berührt hat, ohne dass der Autor das Gefühl vermittelt, krampfhaft etwas besonders Wichtiges oder tiefgründig Konstruiertes daraus machen zu müssen.
Zwei Welten unter einem Dach
Die Handlung führt uns in die frühen 80er Jahre. Eine türkische Arbeiterfamilie zieht nach Köln. Zunächst wohnen sie in einer winzigen Wohnung und landen später ausgerechnet in einem besetzten Haus. Zu Beginn sind nur Merter, seine Frau Damla und ihr Sohn Baran in Deutschland. Den älteren Sohn Orkun lassen sie bei der Großmutter Berfin in der Türkei zurück. Sie kommen erst später ebenfalls nach Köln.Im besetzten Haus treffen die Konaks auf die Hausbesetzerszene mit all ihren Plenen, Demos und endlosen politischen Diskussionen. Zwei Lebenswelten, die eigentlich überhaupt nicht zusammenpassen, teilen sich plötzlich ein gemeinsames Dach.
In der Story folgen wir vor allem Baran, der in diesem ungewöhnlichen Mix aus traditioneller Familie und linksautonomer Hausgemeinschaft aufwächst. In der Schule fällt er durch sein gutes Deutsch auf, zu Hause lebt er in einer türkisch und kurdisch geprägten Familienwelt und nebenan bekommt er ganz andere Vorstellungen von Politik, Freiheit und Zusammenleben mit. Dazwischen versucht er, auf seiner Melodica einen eigenen Klang zu finden. Für mich ist das eine sehr schöne Metapher für das gesamte Buch, da Baran versucht herauszufinden, wo er eigentlich hingehört.
Unaufgeregt und nah an den Figuren
Was mir besonders gefallen hat, ist die Ruhe, mit der Selim Özdogan diese Geschichte erzählt. Es gibt keine großen moralischen Appelle und keine langen Abhandlungen darüber, wie man Migration oder Politik zu verstehen hat. Stattdessen zeigt der Roman einfach das alltägliche Miteinander. Die Menschen streiten, sie nerven sich, sie verstehen sich manchmal überhaupt nicht, und trotzdem entsteht mit der Zeit ein spürbarer Zusammenhalt.Die Szenen in der Hausbesetzung sind wunderbar eingefangen. Die endlosen Diskussionen und die Mischung aus Idealismus und ganz normalem Alltag versetzen den Leser schnell in diese Zeit. Es geht immer um die Menschen selbst, um ihre alltäglichen Sorgen, ihre Eigenheiten und ihre kleinen Erfolge.
Besonders stark gezeichnet ist Merter, Barans Vater. Auf den ersten Blick wirkt er nicht unbedingt wie ein fürsorglicher Vater. Er ist eher streng, manchmal etwas hart und zeigt seine Gefühle selten offen. Gleichzeitig merkt man aber immer wieder, wie viel er im Hintergrund für seine Familie tut. Und das nicht nur für die eigenen Verwandten. Er nimmt Marita in seinen Haushalt auf, obwohl die Familie schon sehr beengt wohnt. Er macht daraus kein großes Ding und erwartet keine Anerkennung. Genau das macht ihn als Charakter so glaubwürdig. Seine Fürsorge zeigt sich nicht in großen Worten, sondern im handfesten Handeln.
Fast schon amüsant war für mich, als er für ein Hoffest ein Schaf spendet, das er eigentlich schon verkauft hat und das nicht abgeholt wurde. Dem Käufer erstattet er einen Bruchteil des Kaufpreises, aus reiner Menschenfreundlichkeit natürlich, weil er es ja "entsorgen" musste. 😀
Interessant fand ich die Rolle der Mutter Damla. Obwohl sie für das Gefüge der Familie unheimlich wichtig ist, blieb sie für mein Empfinden beim Lesen nie so richtig greifbar oder präsent.
Auch Barans Perspektive hat mich überzeugt. Man spürt seine Zerrissenheit zwischen den verschiedenen Welten, ohne dass diese ständig künstlich dramatisiert wird. Er versucht einfach, seinen Platz zu finden in der Familie, in der Hausbesetzung, in der Schule und letztlich bei sich selbst.
Mein Fazit
„Ihr kriegt uns hier nicht raus“ ist eine Empfehlung für alle, die Geschichten abseits der bekannten Muster suchen. Eine migrantische Familie wird hier nicht als isoliertes Schicksal dargestellt, sondern als Teil einer größeren, manchmal chaotischen Gemeinschaft.Mir hat außerdem gefallen, dass das Buch soziale und politische Themen aufgreift, dem Leser aber die Freiheit lässt, sich selbst ein Urteil zu bilden. Die Figuren dürfen widersprüchlich sein, was einen großen Teil des Reizes ausmacht. Dass sich gegen Ende andeutet, dass Baran seinen eigenen Weg gehen wird, gibt der Suche nach seinem eigenen Klang noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Eine Stelle ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben:
„...aber er möchte mit diesen Händen weder Menschen behandeln noch Geld zählen.“
Darin steckt viel von Barans Entwicklung. Er weiß vielleicht noch nicht genau, wohin er will, aber er beginnt zu wissen, was er nicht möchte. Wer Romane mag, die gesellschaftliche Themen feinfühlig aufgreifen, ohne belehrend zu wirken, dem kann ich dieses Buch nur wärmstens empfehlen.
- Herausgeber : Kanon Verlag Berlin
- Erscheinungstermin : 20. August 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 300 Seiten
- ISBN-10 : 3985682208
- ISBN-13 : 978-3985682201