Heute habe ich einen der erfolgreichsten Horrorautoren des Landes zu Besuch im Bücherhaus, ich freue mich sehr, dass er den weiten Weg aus Wakendorf II in die tiefste schwäbische Provinz gefunden hat. (Der Ort heißt wirklich so, ich habe ihn auf der Landkarte gefunden, früher dachte ich der Ortsnamen wäre erfunden, weil sich das so schön Postapokalyptisch klingt).
Herzlich willkommen im Bücherhaus, lieber Vincent, ich freue mich sehr dich heute zu Gast zu haben, Kaffee, Tee und Plätzchen stehen bereit, bedien dich bitte. Bevor wir anfangen, kommt natürlich das obligatorische:
Beschreibe dich bitte in 5 Worten.
Liebe, Horror, Hoffnung, Angst, Neugier Und nun kommen wir auch schon zu den Fragen.
1.Deine Kurzgeschichten haben bereits mehrmals den Weg in die Horroranthologien "Mängelexemplare" des Amrûn Verlags gefunden. Wie fühlt es sich an, an dieser fantastischen Reihe teilzuhaben?
Ich freue mich vor allem über den langen Atem einer jeden Anthologie- oder Magazinreihe im Horror. Da gibt es ja viele, aber die meisten sind dann irgendwann eingestellt worden. Constantin, der Herausgeber, Jürgen, der Verleger, beweisen einfach, dass es auch anders geht. Dass ich dabei sein darf, und das vom ersten band, macht natürlich schon auch etwas stolz.
2. In "Mängelexemplare" begegnet man deinen Geschichten, die stets eine düstere und fesselnde Atmosphäre schaffen. Welche Inspirationen und Einflüsse treiben deine schaurigen Erzählungen an, und wie gehst du bei der Entwicklung deiner Charaktere vor, um sie so authentisch und beängstigend wie möglich zu gestalten? (Ich habe bei deiner Story Till und Aria, ja fast geheult, na gut ich habe geheult)
Ich muss meine Figuren spüren und gewissermaßen lieben. Was man liebt, will man gerne schützen. Wenn ich dann als Autor jemanden zu Tode kommen lasse, fällt es mir besonders schwer. Vor allem, wenn ich richtig an ihnen dran bin. Bei Till und aria wurde ich von dem Kopierraum bei mir auf der Arbeit inspiriert. Die Vorstellung die Tür fällt da hinter einem zu und irgendwie bist du dann eingeschlossen … Dreck! Habe ich eigentlich erzählt, dass ich auf der Metropolcon im Fahrstuhl stecken geblieben bin? Nein? Okay. Das beschäftigt mich offenbar immer noch …
3.Der Amrûn Verlag steht für qualitativ hochwertige Horrorliteratur. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Verlag, und inwiefern unterstützt er dich bei der Realisierung deiner kreativen Visionen?
Mit Jürgen habe ich eigentlich nur auf Messen einen netten kontakt. Er ist dann aber meistens so eingebunden, dass wir nur wenige Worte wechseln können. Ansonsten ist er ja so mutig, Horroranthologien zu veröffentlichen. 😉 Und bei der Zombie-Zone Germany geht es mit einem tollen Team weiter. Je länger ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass es Jürgen gelingt, nette, kreative Menschen um sich zu sammeln. Weiter so!
4.Deine Kurzgeschichten zeichnen sich oft durch unerwartete Wendungen aus, die den Leser in ihren Bann ziehen. Wie schaffst du es, diese Elemente in deine Geschichten einzuflechten, ohne dabei vorhersehbar zu werden, und welchen Stellenwert haben für dich Überraschungsmomente in der Horrorliteratur?
Puh, ich weiß nicht, ob mir das immer gelingt. Das ist natürlich toll, wenn es klappt. In der Kurzgeschichte macht das m.E. ja auch diese Gattung aus. Ein Ende mit Wende. Diese Kurzgeschichten bleiben bei mir am nachhaltigsten in Erinnerung. Oder aber eine wahnsinnige Abseitigkeit. Wahrscheinlich ist es ein Mix. Etwas Talent, gute Lehrmeister*innen, weil ich immer noch viel lese und einen durch Pen and Paper antrainierten Kreativspeicher.
5. Die folgende Frage habe ich auch Constantin Dupien gestellt.Jetzt bin ich gespannt auf deine Antwort, nicht spinksen bitte 😀 Du hast gemeinsam mit ihm den Horroroman "Das Vermächtnis: Ruf der Dunkelheit" geschrieben. Kannst du uns mehr darüber erzählen, wie die Idee für diesen Roman entstanden ist und wie ihr die Charaktere und die Handlung gemeinsam entwickelt habt? Sind da auch mal die Fetzen geflogen?
Ganz genau erinnere ich mich nicht mehr, wie wir auf das Thema gekommen sind. Mit Constantin kann man toll zusammen Ideen austüfteln. Wir haben dann die Geschichte aus zwei Perspektiven geschrieben und uns in regelmäßigen Abständen die Kapitel zugeschickt. Fetzen sind bei uns noch nicht geflogen. Ich glaube, wir bringen beide eine gute Kompromissbereitschaft mit. (Horrorautoren sind wohl wirklich immer lieb zueinander)
6. In deinen Romanen "Im Eis" und "Der Fliegenmann" ist die Hauptfigur die Ethnologin Amelie Fischer. Wie gehst du beim Schreiben von Romanen im Vergleich zu Kurzgeschichten mit der Entwicklung von komplexen Charakteren um, und welchen Stellenwert hat für dich die emotionale Bindung der Leser an deine Figuren?
Hier dasselbe, was man liebt, will man beschützen. Figuren auf lange Strecke zu quälen ist manchmal echt schwer. Das ging mir vor allem beim Fliegenmann so. Oder bei Im Eis in einer Szene. Ich träume, wenn ich richtig in Schreibphasen drin bin, von meinen Figuren. Und diese Bindung schleppe ich dann auch in meinem alltag herum. So entwickeln sich Figuren. Richtig spannend wird es, wenn Figuren während des Schreibens sagen: „Nein, das machst du jetzt nicht, du machst das jetzt so!“ Tja, und oft mache ich es dann eben so. (Das erinnert mich jetzt an Kinder, die machen auch oft das, was sie wollen)
7.Nach "Im Eis" und "Der Fliegenmann" bin ich gespannt auf deine zukünftigen Projekte. Gibt es bereits Pläne für weitere Romane, in denen Amelie Fischer eine Rolle spielt, oder hast du vielleicht andere düstere Welten, die du erkunden möchtest?
Aktuell schreibe ich an einem weiteren Roman mit Amelie Fischer. Es wird maritim, so viel kann ich verraten. Dazu schreibe ich für die Zwielicht eine Kurzgeschichte durch die Angst vor der KI inspiriert. Und eine Geschichte, die zur Aufgabe hatte, dass ältere Musik eine rolle spielt. Bei mir ist es „Child in time“ von Deep Purple. Man sollte aufpassen, wenn man mich das Lied in Zukunft summen hört.
8. Ich hatte dich auf einer Lesung im Rahmen der Leipziger Buchmesse kennengelernt und war sehr erfreut, wie nahbar du und auch deine anwesenden Kollegen gewesen sind. Wie wichtig ist dir der Kontakt zu deinen Leserinnen und Lesern?
Sagen wir mal so, am meisten möchte ich auf Messen Spaß haben und den hat man doch am ehesten mit lieben Menschen, oder? Und auf Messen sind viele tolle Fantasten, deshalb bin ich für diese Momente auch so dankbar! Da weiß ich dann doch, dass soziale Medien eben nicht alle abbilden, wie es mir manchmal vorkommt, sondern, dass es auch viele nachdenkliche Menschen gibt, die ähnlich ticken. Mein problem ist, dass die Messen manchmal zu weit zeitlich auseinanderliegen und ich manchmal dann Schwierigkeiten habe, den richtigen Namen zur der vor mir stehenden Person griffbereit zu haben. Richtig peinlich habe ich mal ein Buch signiert und war mir sicher, dass der Mann Peter hieß. Hieß er aber nicht. Peinlich, wenn es dann schon im Buch steht. (😂 ich habe gerade mehr gelacht als ich sollte, Entschuldigung. Da bist du ja ganz schön in ein Fettnäpfchen getreten, aber falls es dich tröstet, die meisten sind immer für mich reserviert)
Und damit sind wir auch schon am Ende angekommen, ich danke dir für deinen Besuch, halt stopp, eine Frage die mich in letzter Zeit immer wieder umtreibt, habe ich noch:
8 1/2. Glaubst du, dass KI die Art und Weise, wie Bücher geschrieben, veröffentlicht und konsumiert werden, verändern wird?
Ja, das glaube ich. Wenn sie genug Rechenkapazität hat, immer weiter lernt, dann wird sie Bücher schreiben können. Gute Bücher. Aber ich habe Zweifel, ob sie richtig Empathie rüberbringen kann. Und das beruhigt dann doch auch etwas.
Jetzt aber vielen Dank für deinen Besuch, ich hoffe bald wieder etwas lesen zu dürfen.
Und für euch habe ich noch eine sicher nicht ganz vollständige Liste von dem, was Vincent Voss bisher geschrieben hat. Einiges habe ich auch schon gelesen, einiges fehlt mir noch, aber was nicht ist kann ja noch werden.
- 172,3, Luzifer Verlag 2012
- Faulfleisch, Verlag Torsten Low 2012
- Töte John Bender!, Luzifer Verlag 2013
- Ich bin böse!, Bastei-Lübbe 2014
- Tödlicher Gruß, Bastei-Lübbe 2014
- Wasser, Verlag Torsten Low 2015
- Du darfst mich nicht finden, Bastei-Lübbe 2015
- Tag 78, Amrûn Verlag 2015
- Ruf der Dunkelheit mit Constantin Dupien, Selfpublishing 2015
- Frischfleisch – Nullpersonen, Verlag Torsten Low 2016
- Alles zum Schein, Feder & Schwert 2018
- Infiltriert, Verlag Torsten Low 2019
- Im Eis, Verlag Torsten Low 2021
- Der Fliegenmann, Verlag Torsten Low 2023
- Mängelexemplare, Amrûn Verlag 2023