Eine Mutter, die mit verführerischer Sogwirkung schwarzsieht. Ein Vater, der mit Nebelkerzen wirft, wenn er von sich erzählen soll. Und ein vermeintliches Unglückshaus, das es endlich zu verlassen gilt. Miriam Böttgers aberwitziger, tragikomischer und abgründiger Roman für alle, die sich auch mit ihrer Familie herumschlagen.
Miriam Böttgers Buch "Aus dem Haus" beginnt mit einem Besuch der Ich-Erzählerin auf dem Friedhof, auf dem ihr Vater begraben liegt. Übergangslos erzählt sie von dem vermeintlichen, geistigen Verfall ihrer Mutter nach dessen Tod, ein Verfall den sie ihr nicht wirklich glaubt, zu wach und aufmerksam sind ihre Augen. Als wäre sie eine Theaterschauspielerin, die vollkommen in der Rolle der greisen Alten aufgeht.
Trotz den etwas traurigen Einstiegs in die Geschichte ist, da immer eine gewisse Leichtigkeit in der Art in der die Autorin dies beschreibt.
Die Familie hat auf den ersten Blick alles, was es zum Glücklichsein braucht. Doch gerade die Mutter ist konsequent unzufrieden. Der Umzug von Süddeutschland zurück in die Heimatstadt Kassel – das, was für andere eine Heimkehr ist – ist für sie nur mit dem Verlust eines gewohnten und geliebten Lebens verbunden. Der Bau des ersten eigenen Hauses im Garten der Schwiegermutter endet nicht, wie man denken sollte, in einem Zuhause, in dem die Familie sich wohlfühlt und zur Ruhe kommen kann, sondern in einem Haus, das sie abzustoßen scheint. Der Grundriss gefällt nicht, die Rohre brechen; das Haus will sie nicht, so scheint es. Oder sind es doch die Menschen, die in ihm wohnen, die das Haus zu einem Unglückshaus machen, weil sie eigentlich nicht dort sein wollen?
Besonders die Mutter ist davon überzeugt, dass ihr komplettes Leben eine nahtlose Aneinanderreihung von Unglück ist, und sie scheint sich mit diesem Leben abgefunden zu haben. Veränderungen, wie der lange gewünschte Auszug aus dem Haus, werden über Jahre hinausgezögert. Und als es dann endlich so weit ist, fällt es schwer, sich von Dingen zu trennen oder überhaupt etwas zu planen.
Im Laufe der Geschichte stellt die Ich-Erzählerin sich die Frage, warum ihre Eltern immer wieder Entscheidungen trafen, die ihr vermeintliches Unglück immer weiter verstärkten. Eine Frage, die auch am Ende des Buches, dessen Ende recht abrupt kommt, nicht beantwortet.
Miriam Böttger, Böttger gelingt es, auch die traurigen Momente mit Humor und Ironie zu verbinden, was dem Leser eine unerwartete Leichtigkeit bietet. Die Ich-Erzählerin reflektiert über familiären Strukturen und die Idee, dass jede Familie ihre eigenen Vorstellungen hat, die das Leben der Mitglieder bestimmen. Diese Gedanken regen dazu an, das eigene Leben und die eigenen Entscheidungen zu hinterfragen, insbesondere in Bezug auf das Festhalten am Unglück. Mir kam beim Lesen das alte Sprichwort »Wir sind unseres Glückes Schmied« in den Sinn, das gilt sicher auch für das Unglück.
- Herausgeber : Galiani-Berlin; 1. Edition (5. September 2024)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 224 Seiten
- ISBN-10 : 3869713054
- ISBN-13 : 978-3869713052




