Ruth Winkler, frisch verstorben, erzählt auf dem Totenbett ihr Leben, von dem sie früher nie erzählen wollte: »Wer weiß, was da alles hochkommt, was ich nicht mehr wissen will.« Aber jetzt ist Schluss – und damit ist es ohnehin einerlei. 1930 in Halle an der Saale geboren, Scheidungskind, Krieg, Flucht aus der DDR, Stationen in der Schweiz in Nord-, schließlich Süddeutschland. Freuden und Sorgen der Liebenden und Mutter, Tochter und Ehefrau, Irrungen und Wirrungen einer ganz normalen Frau zwischen zwei Deutschlands, gelebte deutsch-deutsche Geschichte: die Geschichte eines millionenfach gelebten Alltaglebens in seiner ganzen traurig-schönen, oft skurrilen, überaus spannenden Pracht. Christine Lehmann hat mit ihren jahrelangen Recherchen zu diesem Buch einen einmaligen Schatz gehoben, der wohl unser aller kollektives Gedächtnis zum Klingen bringt. Da wird Lesen zur Sucht.
"Ich bin noch warm, als meine Tochter zusammen mit ihrem Mann und meiner Enkelin kommt."
Ruth Winkler ist tot.
Und nun beschließt sie von ihrem Leben zu erzählen, alles über das sie früher den Mantel des Schweigens legte, weil sie selbst nicht mehr wissen wollte, was sie alles erlebte, aber damit ist jetzt Schluss. Ruth erzählt und sie hört nicht mehr auf.
Doch zunächst erzählt sie von ihrem Sterben, vom Sterben ihrer Eltern und Schwiegereltern und vom Tod allgemein, das ist nicht traurig oder bedrückend, die Autorin lässt Ruth mit einer Leichtigkeit erzählen, die mich sehr beeindruckt hat.
"Es muss still sein, wenn man sterben will"
Das ist einer der Sätze, die mich beeindruckt haben, wie kann man gehen, wenn die Menschen, von denen man geliebt wird, traurig und vielleicht verzweifelt festhalten?
Ruth hatte ein langes Leben, geboren 1930 in Halle, erlebt sie die Nationalsozialisten, die DDR und deren Auflösung, nach ihrer Flucht, wir erfahren über die schwierige Beziehung zu ihrer Tochter, die das schriftstellerische Talent des Vaters Markus geerbt hat, der akribisch alles, was in seinem Leben geschah, aufschrieb, in Listen notierte er Tage, an denen sie Skat spielten, er erzählt von seinen Reisen nach Schweden und Amerika, aber kein Wort über Ruth, als hätte sie in seinem Leben nicht existiert, ich fühlte mich Stellvertretend gekränkt, nicht einmal die Nachricht das sie ein Kind erwartete, befand er einer Erwähnung wert.
Ruth entstammt einer anderen Zeit, wie viele Frauen ihrer Zeit nahm sie sich zurück, ob freiwillig oder einfach nur, weil es so war und sie gar keine andere Chance hatte. Doch wenn es nötig war und das war es häufig, wenn nicht sogar immer, zog sie die Fäden, sie war es, die die Familie leitete.
Und Ruth erzählt, von eingeschmuggelter Literatur in die DDR, von späteren Westpaketen, die sie regelmäßig nach ihrer Flucht in den Westen an die zurückgebliebene Familie schickt, von den Ritualen zu Weihnachten, die unterbrochen wurden als die Kinder größer wurden und erst mit dem ersten Enkelkind wiederauflebten, von Reisen und Kindergeburtstagen, manchmal musste ich das Buch aus der Hand legen, es ist schwierig immer nur zuzuhören, ich schreibe bewusst zuhören, denn das war es, ich habe bei Ruth gesessen und habe gelauscht, manchmal habe ich mich dabei aufgeregt, manchmal war es traurig, manchmal habe ich gelacht und ich habe mich auch mal gelangweilt, das Leben anderer ist nicht immer spannender als das eigene.
Ruth ist mir ans Herz gewachsen, ihre Geschichte erzählt die Geschichten von Millionen und bleibt dabei so persönlich wie es nur geht, ganz nah, beinahe schon intim lässt sie uns an ihrem Leben teilhaben.
Dieses Buch kann vielleicht auch die Fragen derjenigen beantworten, die nie zu fragen wagten oder keine Antworten bekamen, das klingt jetzt vielleicht etwas seltsam, aber nach der Lektüre ist sicher jedem klar, was ich meine.
- Herausgeber : Alfred Kröner Verlag; 1. Edition (5. Oktober 2022)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 520 Seiten
- ISBN-10 : 3520767015
- ISBN-13 : 978-3520767011

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