Mittwoch, 29. Juli 2026

Der Eklat von von Dennis Kornblum


Klappentext: Der umstrittene Schriftsteller Jascha Wrobel evoziert in einer Talkshow des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen Skandal. – Ziemlich genau neun Wochen später diskutieren der Moderator und ein Journalist namens Hagen über die Hintergründe und Auswirkungen des Vorfalls. Was ist da passiert? Welche Vorgeschichte kennt man? Die Journalistin Jasmina Lorentz hat sich in den vergangenen Jahren zur Hauptgegnerin Wrobels entwickelt, sich immer wieder über dessen disputable Aussagen zu sensiblen gesellschaftlichen und politischen Fragen empört. Dabei hat sie versucht, ihn in ein Korsett ideologischer Hetzerei und Frauenfeindlichkeit zu zwängen, und schließlich Wrobels künstlerische Verantwortung und generell seine Kompetenz in Frage gestellt. Zusätzlich hatte sie in einem aufsehenerregenden Online-Artikel eine sehr persönliche Bemerkung zu Wrobel gemacht, der türkischstämmigen Ehefrau gemacht. Wenige Wochen nach Erscheinen des Artikels eskalierte die Fehde der beiden in einer legendären, dreizehnminütigen Talkshow-Livesequenz. Dieser Roman fasst das zusammen, was wir derzeit in so vielen Teilen der Gesellschaft entdecken: Spaltung, überzogene Polarisierung, Wunden, Verletzungen, Extreme ... und Ereignisse, die niemand braucht. Kornblum hat den "Skandalautor" als Modell-Vorlage gewählt und alles in deutlichem Ton, auch bis ins wechselhafte, auch aufregende Denken des Schriftstellers Wrobel hinein, ausgeleuchtet.



Im Mittelpunkt steht der umstrittene Schriftsteller Jascha Wrobel, der in einer Talkshow einen öffentlichen Eklat provoziert. Wochen später werden die Ereignisse in einer weiteren Sendung aufgearbeitet. Dabei diskutieren ein Moderator und der Journalist Hagen, der nach dem Vorfall Menschen aus Wrobels Umfeld interviewt hat, über die Hintergründe. Ergänzt wird dies durch Rückblicke, Ausschnitte aus früheren Talkshows und Passagen aus Wrobels Sicht.

Die Erzählweise fand ich anfangs etwas gewöhnungsbedürftig. Durch die Mischung aus Talkshow-Ausschnitten, Interviews, Rückblicken und Wrobels eigenen Gedanken musste ich mich erst einmal zurechtfinden. Nach und nach wurde aber klarer, wie die einzelnen Ereignisse und Perspektiven zusammenhängen.

Im Zentrum steht der Konflikt zwischen Wrobel und der Journalistin Jasmina Lorentz. Sie kritisiert ihn seit Jahren öffentlich und wirkt dabei auf mich nicht immer ganz fair. Teilweise hatte ich den Eindruck, dass ihre Kritik längst nicht mehr nur seinen Ansichten gilt, sondern zunehmend auch ihm als Person. Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Artikel von Lorentz, in dem sie Wrobel sehr persönlich angreift und der schließlich die Ereignisse ins Rollen bringt.

Spannend fand ich, dass der Roman dabei keine einfache Seite vorgibt, auf die man sich schlagen soll. Stattdessen zeigt er, wie festgefahren der Konflikt zwischen den Beteiligten geworden ist und wie beide Seiten ihre eigenen Verletzungen und Überzeugungen mit sich herumtragen.

Wrobel war mir von Anfang an unsympathisch, auch wenn er ein interessanter Charakter ist. Er ist ein Mensch, der aktuelle Themen wie Klimakatastrophe, Migration und Gleichberechtigung leugnet oder ins Lächerliche zieht. Das widerspricht meinen eigenen Ansichten so sehr, dass das Lesen darüber zeitweise fast wehtat. Genau diese Unbequemlichkeit macht den Roman aber auch ehrlich: Er zwingt dazu, sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die man ablehnt.

Gleichzeitig blieb für mich lange unklar, wie Wrobels politische Haltung tatsächlich einzuordnen ist. Immer wieder verweist er darauf, dass seine Romane satirisch zu verstehen seien, wodurch die Grenzen zwischen Provokation, literarischer Inszenierung und persönlicher Überzeugung verschwimmen. Dennoch entstand bei mir insgesamt der Eindruck, dass seine Positionen deutlich am rechten Rand des gesellschaftlichen Meinungsspektrums verortet sind. Gerade diese Ambivalenz macht die Figur interessant, weil sie sich einer eindeutigen Einordnung entzieht und dadurch Raum für unterschiedliche Interpretationen lässt.

Für mich war „Der Eklat“ ein Roman, der volle Aufmerksamkeit verlangt. Besonders die Passagen aus Wrobels Sicht fand ich sehr interessant. Seine Rechtfertigungen, seine Wut und sein Selbstmitleid machen ihn nicht sympathisch, aber durchaus glaubwürdig. Gleichzeitig haben die anspruchsvolle, oft dichte und verschachtelte Sprache sowie die zahlreichen Fremdwörter meinen Lesefluss immer wieder gebremst, da sie sich nicht immer unmittelbar erschließen. Dennoch hatte ich auch den Eindruck, dass genau diese Sperrigkeit gewollt ist und zum Konzept des Romans gehört. (auch wenn mir persönlich das dann doch etwas zu viel war, dadurch wird der Roman weniger zugänglich, als er sein könnte) Die Sprache fordert fast dieselbe Aufmerksamkeit ein wie die gesellschaftlichen Konflikte, die der Roman verhandelt. Was die Lektüre manchmal anstrengend macht, trägt zugleich wesentlich zu ihrer Wirkung bei.



  • Herausgeber ‏ : ‎ KUUUK
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 30. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 230 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3962900535
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3962900533
  • Lesealter ‏ : ‎ Ab 12 Jahren 

Freitag, 24. Juli 2026

Carl's Doomsday Scenario: Nach der Katastrophe ist vor der Katastrophe (Dungeon Crawler Carl, Band 2)


Matt Dinnimans zweiter Band der Dungeon Crawler Carl-Reihe macht genau dort weiter, wo der erste aufgehört hat. Carl und Prinzessin Donut leben noch, die Dungeon-KI treibt weiterhin ihre perfiden Spielchen, und die Zuschauer im ganzen Universum verlangen nach immer mehr Chaos, Blut und Unterhaltung. Dinniman erfindet das Rad nicht neu, er nimmt, was im ersten Band funktioniert hat, und legt noch eine Schippe drauf.

Diesmal verschlägt es Carl und Donut auf die dritte Ebene, die Oberstadt. Eine zerstörte Metropole voller Monster, Fallen und absurder Herausforderungen. Gleichzeitig wird der Einfluss der außerirdischen Sender immer spürbarer, die um Quoten, Sponsoren und Wettgewinne kämpfen. Genau hier wird es kreativ, chaotisch und voller Ideen. Der Autor nutzt die Spielmechaniken auf unterhaltsame Weise. Im späteren Verlauf wirkt die Handlung stellenweise etwas zerfahrener, da die Geschichte zwischen neuen Aufgaben, Chatshows und Level-ups hin und her springt. Langweilig wird es aber nie, dafür bleibt das Tempo durchgehend hoch.

Besonders gelungen fand ich die stärkeren Horrorelemente. Die Oberstadt ist nicht nur gefährlich, sondern oft regelrecht verstörend. Untote Artisten, groteske Kreaturen und albtraumhafte Szenarien verleihen der Welt eine deutlich düsterere Atmosphäre als in Band eins. Es gibt Momente, die wirklich unangenehm werden, und das Buch scheut sich nicht vor Bildern, die eher nach Albtraum als nach Spiel klingen.

Gleichzeitig hatte ich nie wirklich Angst um Carl oder Donut. Die Reihe ist auf viele weitere Bände ausgelegt, und das merkt man. Man fiebert zwar mit, fragt sich aber eher, wie sie die nächste Katastrophe überleben, als ob sie es überhaupt schaffen. Das nimmt manchen Szenen etwas Spannung, sorgt aber auch dafür, dass der Spaß stets im Vordergrund bleibt.

Carl bleibt ein sympathischer Überlebenskünstler, der clever improvisiert, ohne zum klassischen Helden zu werden. Prinzessin Donut stiehlt mit ihrer arroganten und selbstverliebten Art (und ich liebe sie genau dafür, sie ist eben eine Katze) erneut viele Szenen und sorgt für einen Großteil des Humors. Auch die LitRPG-Elemente funktionieren weiterhin gut und so langsam verstehe auch ich, wie Videospiele funktionieren. Skills, Loot, Achievements und Quests sind sinnvoll in die Handlung eingebunden und fühlen sich nie wie bloße Spielerei an.

Fazit: Carl's Doomsday Scenario ist eine starke Fortsetzung, die die Welt erweitert und die Stärken der Reihe konsequent ausspielt. Die Horrorelemente sorgen für zusätzliche Atmosphäre, und trotz kleinerer Längen bleibt das Buch durchgehend unterhaltsam. Wer den ersten Band mochte, wird auch mit diesem Teil viel Spaß haben. Den ersten Band sollte man auch unbedingt  gelesen haben.


  • Herausgeber ‏ : ‎ FISCHER Tor
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 24. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 3.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 448 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3596712491
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596712496
  • Originaltitel ‏ : ‎ Carl's Doomsday Scenario



Mittwoch, 22. Juli 2026

Schlosshotel Fuschl: Roman von Caren Benedikt

 


Ich habe schon einige Romane von Caren Benedikt gelesen und mag ihren Erzählstil sehr. Aus diesem Grund wollte ich das „Schlosshotel Fuschl“ unbedingt lesen, und es hat meine Erwartungen erfüllt. Leserinnen und Leser, die bereits in die Welt von Caren Benedikt kennen, werden auch hier schnell Bekanntes entdecken: eine eindrucksvolle historische Kulisse, liebevoll beschriebene Figuren und eine Familiengeschichte, die von Konflikten und Geheimnissen geprägt ist.

Im Sommer 1955 ist die Geschichte im Salzburger Land angesiedelt. Während im Schlosshotel Fuschl die feine Gesellschaft verkehrt, die Salzburger Festspiele stattfinden und am See die „Sissi“-Filme gedreht werden, kämpft Theresa von Reuschenberg darum, ihre beiden Hotels durch harte Zeiten zu steuern. Die Rückkehr von Benedikt, ihrem totgeglaubten Bruder, der nach Jahren in der Kriegsgefangenschaft plötzlich seinen Erbanteil einfordert, bringt das Gleichgewicht, das sie mühsam aufgebaut haben, durcheinander. Alte Wunden brechen auf, und es wird schnell offensichtlich, dass es hier nicht nur um Geld geht, sondern auch um Vertrauen, Schuld und Familie.

Die Atmosphäre gefällt mir besonders gut. Die Nachkriegszeit ist präsent, ohne dass sich die Autorin in zu vielen Details verliert. Die privaten Probleme stehen im starken Kontrast zur Filmkulisse und den Festspielen, die eine heile Welt vorgaukeln. Die Hotellerie ist nicht nur Dekoration; sie ist auch die Quelle von Konflikten mit: Personal, Gästebindungen, Krediten und dem Druck, den Glanz zu bewahren.

Theresa war für mich eine starke Hauptfigur. Sie handelt oft pragmatisch, trifft nicht immer einfache Entscheidungen und wirkt dadurch sehr authentisch. Auch Benedikt ist keine Figur, die man sofort einordnen kann. Seine Rückkehr bringt viel Spannung in die Geschichte. Nach der Freude über die unerwartete Rückkehr des totgeglaubten Bruders beginnen die Konflikte. Auch das sorgt dafür, dass ich  immer weiterlesen möchte. Und dann sind da noch Marie und Sophie, Theresas Töchter, die unterschiedlicher nicht sein können, während Marie pflichtbewusst studiert und in ihrer freien Zeit im Hotel aushilft, plant Sophie ihre Zukunft nicht in Österreich, ohne dass ihre Mutter davon weiß. Die Frage wie es mit den beiden jungen Frauen weitergeht sorgte ebenfalls dafür das ich immer weiterlesen wollte.

Wer bereits Das Grand Hotel oder andere Bücher der Autorin gelesen hat, wird einige vertraute Elemente wiederfinden. Das große Hotel als Schauplatz, eine Frau, die Verantwortung übernimmt, und familiäre Konflikte gehören inzwischen fast zu Caren Benedikts Markenzeichen. 

Insgesamt hat mich Schlosshotel Fuschl sehr gut unterhalten. Der Roman verbindet historische Ereignisse mit einer emotionalen Familiengeschichte und lädt dazu ein, für ein paar Stunden in eine andere Zeit einzutauchen. Im Nachwort berichtet die Autorin von ihrer Recherchearbeit und den wahren Begebenheiten und Menschen, auch das ist sehr lesenswert und macht neugierig auf Salzburg. 


  • Herausgeber ‏ : ‎ Blanvalet Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 15. Juli 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Originalausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 416 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3764508523
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3764508524


Montag, 20. Juli 2026

Feenpakte Geschichten aus der Welt der Seelenfänger


Ich wusste, dass ich die Anthologie „Feenpakte“ mögen würde. Der Verlag steht für starke Storys und einige der Autorinnen und Autoren kannte ich bereits. Dass mich aber gleich die erste Geschichte so umhauen würde, hätte ich nicht erwartet.

Vincent Voss: Das Nebelbrett
Die Auftaktgeschichte setzt sofort einen düsteren, verstörenden Ton. Zwischen märchenhafter Anderswelt und beklemmender Gegenwartsnähe entfaltet sich eine Erzählung über Manipulation, Angst und Macht. Besonders eindrücklich sind die Bilder, etwa die Spinnen, die sich unbemerkt in Menschen einnisten, als Sinnbild für schleichende gesellschaftliche Vergiftung. Ohne plump zu wirken, liest sich die Geschichte wie ein Kommentar auf reale Entwicklungen und zeigt, wie anfällig Gemeinschaften für gezielte Angstmache sein können und dass man dem gemeinsam entgegenwirken kann.

Gloria H. Manderfeld: Waldgrimms Raub
Diese Geschichte trifft mit ihrem Thema besonders hart. Im Zentrum steht eine Frau auf der Flucht vor häuslicher Gewalt, die ausgerechnet im Unheimlichen Schutz findet. Manderfeld spielt gekonnt mit Erwartungen und hinterfragt, wer eigentlich als „Monster“ gilt. Die eigentliche Stärke liegt jedoch in der bitteren Erkenntnis, dass Betroffene oft nicht gehört werden, selbst dann nicht, wenn sie längst wissen, was für sie gefährlich ist.

Florian Wehner: Die arme Frau Wohlstand
Nach dem großen Krieg lebt Nadjala mit ihren Kindern in Armut, denn ihr Mann hat hohe Schulden hinterlassen. Kurz bevor sie auch noch ihr Haus verliert, taucht eine alte Frau auf: Britha. Sie hilft im Haushalt und braut Heiltränke, die Nadjala im Dorf verkauft. Endlich können die Schulden beglichen werden und die Kinder wieder unbeschwert leben. Brithas einzige Bedingung ist Schweigen. Als jedoch ein Kind im Dorf krank wird und die Tränke alles nur verschlimmern, zeigt sich, dass Hilfe ihren Preis hat und der ist selten gerecht.

Francis Bergen: Das Frühjahrsfest
Der Hütejunge Anton sorgt sich um sein Lamm Darja, das von seiner Mutter verstoßen wurde. Er zieht es mit der Hand auf, obwohl es kaum Überlebenschancen hat. Ein Fremder erscheint, erstaunt über Antons Fürsorge, und heilt das Tier. Zum Dank nimmt Anton ihn mit auf das Frühjahrsfest. Bei Gesang und Tanz fügt sich der Fremde, der sich Hariyo Rhaday nennt, unter die Feiernden, bis der eigentliche Höhepunkt beginnt und dem Frühling und dem Sommer geopfert wird.

Nils Krebber: Geh nicht in den Glimmerwald
Nach dem Fluchwall lebt ein junger Holzfäller in einem Dorf, das zwar von Wald umgeben ist, doch nur ein entfernter Wald darf betreten werden. Der nahe Wald gilt als gefährlich, bevölkert von einer Fee und Wesen, die sich gegen Eindringlinge wehren. Eine Frau ist einst zurückgekehrt, bevor der Wind sie wieder forttrug. Niemand widersetzt sich dem Verbot, bis eine junge Frau auftaucht, in die sich der Holzfäller verliebt. Sie zeigt ihm einen Weg, die Fee um Erlaubnis zu bitten. Die Geschichte kreist um Versprechen und die Konsequenzen, wenn man sie bricht.

Marco Ansing: Die Zahnfee
Die bekannte Geschichte von der Zahnfee bekommt hier eine düstere Wendung. In Godenfort blüht das Dorf, die Ernten sind gut, doch die Menschen wirken krank, viele haben keine Zähne und Kinder sind kaum zu sehen. Als die Seelenfängerin Kaira und ihr Bruder eintreffen, kommen sie einem grausigen Geheimnis auf die Spur. Eine unheimliche, sehr wirkungsvolle Geschichte.

Daniel Isberner: Der Wunsch
Ein Dorf ist auf der Flucht vor einem Geist, der einst ein Dieb war und nun weiter stiehlt und tötet. Selbst auf der Flucht sind sie nicht sicher. Die dreizehnjährige Jaria freundet sich mit Perai an, bei dem Jungen mit dem Messer fühlt sie sich sicher. Als er verletzt wird, spricht sie einen Wunsch aus, dessen Preis hoch ist. Mein erster Gedanke war: Du dummes Kind. Mein zweiter: Wie weit würde ich gehen für einen geliebten Menschen?

Ralf Sandfuchs: Die Liebe einer Mutter
Sören lebt mit seiner Mutter abgeschieden im Wald. Nur selten geht er ins Dorf, inzwischen auch, um sich mit den Mädchen zu treffen, die sich ihm kaum entziehen können. Seine Mutter sagt, er komme nach seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Als der Vater eines Mädchens ihm droht, hält Sören sich nicht daran und läuft in eine Falle. Auch hier geht es um Ausgrenzung und die Angst vor dem Fremden.

Christian Günther: Fünf, sechs, sieben, acht
Auf diese Geschichte war ich besonders gespannt. Jarek sucht seine Schwester, die vor ihrem Vater geflohen ist. Die alte Raika verspricht ihm Hilfe, doch seine Mutter behauptet, Raika sei seit Jahren tot. Als Jarek am nächsten Tag zu ihrer Hütte zurückkehrt, ist sie verschwunden. Eine Geschichte mit einer starken Idee und einem unerwarteten Ausgang.

Thorsten Küper: Im Dienst des Turmbaumeisters
Vermil ist ein begnadeter Zeichner. Als er auf Arzad trifft, erhält er einen ungewöhnlichen Auftrag: Ein Turmbaumeister will seine verstorbene Frau zurückholen und braucht dafür ein genaues Bild von ihr. Doch schnell stellt sich die Frage, ob es wirklich Liebe ist, die ihn antreibt.

„Feenpakte“ versammelt Geschichten über Wünsche und deren Preis und stellt dabei die düstere Seite der Anderswelt in den Mittelpunkt. Statt romantischer Feenbilder dominieren hier Verlockung, Täuschung und Konsequenzen, die oft erst spät sichtbar werden. Viele Texte spielen gezielt mit Erwartungen und erzeugen eine durchgehend eher beklemmende Stimmung. Die Qualität ist insgesamt recht ausgeglichen, einzelne Storys unterscheiden sich aber genug, dass keine wie die andere wirkt, auch wenn sich Motive wiederholen.

Für mich funktioniert die Anthologie vor allem dann, weil sie die düsteren Ideen konsequent ausspielt. Wer solche Geschichten mag, wird hier auf jeden Fall fündig.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Low, Torsten
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 22. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Erstauflage
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 220 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3966290537
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3966290531

Mittwoch, 15. Juli 2026

Eine winzige Lüge von Astrid Korten

Astrid Korten versteht es wie kaum eine andere, sensible und schwierige Themen so in Worte zu fassen, dass sie Leserinnen und Leser berühren und zugleich für Aspekte sensibilisieren, die in der Öffentlichkeit noch immer viel zu oft verschwiegen werden. Während sie in ihrem Roman „Poppy“ die Perspektive des Missbrauchsopfers einnimmt, beleuchtet „Eine winzige Lüge“ die Sicht einer Mutter, die mit einem kaum vorstellbaren und kaum aushaltbaren Vorwurf konfrontiert wird.

Martinas Tochter Julia wirft Martinas Lebensgefährten Alex vor, sie seit ihrem 9. Lebensjahr missbraucht zu haben. Zu widersprüchlich erscheint ihr dieses Bild. Schließlich nannte Julia ihn seit ihrer ersten Begegnung im Alter von drei Jahren „Papa“, und das Kind hatte schon immer eine überbordende Fantasie. Immer wieder erfand sie Geschichten, etwa von einem Kobold, der an Alex’ Schreibtisch saß, wenn er selbst nicht da war.

Warum also sollte sie ausgerechnet diese Geschichte glauben?

Doch was, wenn Julia die Wahrheit sagt?

Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Martina kennt den erfolgreichen Schriftsteller seit 25 Jahren und war überzeugt, ihn so gut zu kennen wie sich selbst. Doch die Zweifel lassen sie nicht mehr los, und sie beginnt, nach der Wahrheit zu suchen.

Ich konnte Martinas Gedanken gut nachvollziehen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind, besonders dann, wenn man selbst Kinder hat. Dieses Festhalten an der eigenen Realität, dieses Nicht-glauben-Wollen, weil die Konsequenzen alles zerstören würden. Gleichzeitig ist da beim Lesen dieses nagende Gefühl, dass genau darin die eigentliche Tragik liegt.

Genau das macht den Roman so eindringlich. Schritt für Schritt beginnt Martina nachzuforschen, und mit jeder neuen Erkenntnis gerät ihr Leben mehr ins Wanken. Auch beim Lesen verändert sich die Perspektive immer wieder. Man hinterfragt, zweifelt und denkt mit jeder Wendung neu und davon gibt es einige. Manche sind bewusst verwirrend, passend zu Martinas Gefühlsleben und der beklemmenden Atmosphäre, die die Autorin erschafft.

 

  • ASIN ‏ : ‎ B0H7CLBNXF
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 2. Juli 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 326 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8185207284