Astrid Korten versteht es wie kaum eine andere, sensible und schwierige Themen so in Worte zu fassen, dass sie Leserinnen und Leser berühren und zugleich für Aspekte sensibilisieren, die in der Öffentlichkeit noch immer viel zu oft verschwiegen werden. Während sie in ihrem Roman „Poppy“ die Perspektive des Missbrauchsopfers einnimmt, beleuchtet „Eine winzige Lüge“ die Sicht einer Mutter, die mit einem kaum vorstellbaren und kaum aushaltbaren Vorwurf konfrontiert wird.
Martinas Tochter Julia wirft Martinas Lebensgefährten Alex vor, sie seit ihrem 9. Lebensjahr missbraucht zu haben. Zu widersprüchlich erscheint ihr dieses Bild. Schließlich nannte Julia ihn seit ihrer ersten Begegnung im Alter von drei Jahren „Papa“, und das Kind hatte schon immer eine überbordende Fantasie. Immer wieder erfand sie Geschichten, etwa von einem Kobold, der an Alex’ Schreibtisch saß, wenn er selbst nicht da war.
Warum also sollte sie ausgerechnet diese Geschichte glauben?
Doch was, wenn Julia die Wahrheit sagt?
Es kann doch nicht sein, was nicht sein darf. Martina kennt den erfolgreichen Schriftsteller seit 25 Jahren und war überzeugt, ihn so gut zu kennen wie sich selbst. Doch die Zweifel lassen sie nicht mehr los, und sie beginnt, nach der Wahrheit zu suchen.
Ich konnte Martinas Gedanken gut nachvollziehen, auch wenn sie schwer auszuhalten sind, besonders dann, wenn man selbst Kinder hat. Dieses Festhalten an der eigenen Realität, dieses Nicht-glauben-Wollen, weil die Konsequenzen alles zerstören würden. Gleichzeitig ist da beim Lesen dieses nagende Gefühl, dass genau darin die eigentliche Tragik liegt.
Genau das macht den Roman so eindringlich. Schritt für Schritt beginnt Martina nachzuforschen, und mit jeder neuen Erkenntnis gerät ihr Leben mehr ins Wanken. Auch beim Lesen verändert sich die Perspektive immer wieder. Man hinterfragt, zweifelt und denkt mit jeder Wendung neu und davon gibt es einige. Manche sind bewusst verwirrend, passend zu Martinas Gefühlsleben und der beklemmenden Atmosphäre, die die Autorin erschafft.

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