Samstag, 11. Juli 2026

Die Villa der Architektin: Roman (Unionsverlag Taschenbücher) von Melania G. Mazzucco (Autor), Karin Fleischanderl (Übersetzerin


Mit "Die Villa der Architektin" erzählt Melania G. Mazzucco die Geschichte von Plautilla Bricci, einer Frau, die in der Kunstgeschichte lange kaum wahrgenommen wurde. Die Autorin begleitet ihr Leben im Rom des 17. Jahrhunderts und verbindet historische Fakten mit einer klar erzählten Romanhandlung. Dabei entsteht das Bild einer Frau, die sich in einem sehr engen gesellschaftlichen Rahmen ihren eigenen Weg gesucht hat.

Plautilla Bricci wurde 1616 in Rom geboren und wuchs in einem künstlerischen Umfeld auf. Ihr Vater förderte ihre Ausbildung in der Malerei früh. Da Frauen der Zugang zur akademischen Aktausbildung verwehrt blieb, arbeitete sie zunächst vor allem als Malerin religiöser Motive und als Miniaturmalerin. Später trat sie auch als Architektin hervor und gilt als eine der ersten Frauen, die in diesem Bereich in Rom Beachtung fanden.

Besonders gelungen sind Mazzuccos Schilderungen des barocken Rom. Sie zeigen die künstlerischen Möglichkeiten der Zeit, machen aber auch deutlich, welche Grenzen Frauen damals gesetzt waren. Plautillas Entscheidung, unverheiratet zu bleiben, erscheint aus heutiger Sicht nachvollziehbar, war für ihre Zeit jedoch ungewöhnlich. Dadurch wird deutlich, welchen Preis persönliche Unabhängigkeit für Frauen damals haben konnte.

Mir hat gefallen, dass der Roman gut recherchiert wirkt, ohne trocken zu werden. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Bedürfnis nachzuprüfen, welche Ereignisse historisch belegt sind und wo die literarische Gestaltung beginnt. Gerade diese Verbindung aus Recherche und Erzählung macht das Buch für mich interessant, weil es nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern auch ein vergessenes Kapitel sichtbar macht.

Auch die Beziehung zu Elpidio Benedetti spielt eine wichtige Rolle. Dass Plautilla bei der Testamentseröffnung leer ausgeht, zeigt, wie tief und zugleich frei von Erwartungen diese Verbindung war. Er hat ihr nichts Materielles hinterlassen, sondern etwas, das sich eher in Vertrauen und Nähe zeigt. Nach der Testamentseröffnung sucht sie Virginia auf, Elpidios Tochter, die in einem Conservatorio lebt. Dort wurden uneheliche Töchter von Geistlichen und Adligen ebenso aufgenommen wie Waisen von Handwerkern oder Hausangestellten. Sie blieben dort abgeschottet von der Außenwelt, bis sie verheiratet wurden oder in Stellung gingen, damit die Männer vor der "Versuchung" geschützt waren, die von ihnen ausging. Gerade dieser Abschnitt hat mich beim Lesen wirklich berührt. Dass Frauen zum Schutz der Männer abgeschottet wurden, zeigt, wie selbstverständlich ihnen die Verantwortung für das Verhalten der Männer zugeschrieben wurde. Wenn wir ehrlich sind: Viel geändert hat sich in der heutigen Zeit nun nicht. In diesem Abschnitt steht auch einer der berührendsten Sätze: "Beschützte, unversehrte , ausgelöschte Leben"
Dieser Gedanke an beschützte, unversehrte und zugleich ausgelöschte Leben bleibt hängen, weil er die Härte dieses Systems so deutlich macht.

Die Villa der Architektin ist ein historischer Roman für alle, die sich für Frauen in der Geschichte, für Kunst und Architektur sowie für sorgfältig recherchierte Stoffe interessieren. Melania G. Mazzucco erzählt konzentriert und klar und rückt Plautilla Bricci mit spürbarem Interesse ins Zentrum.


Originaltitel: L’architettrice
Originalsprache: Italienisch
Erstauflage: 9.7.2026
Auflage: 1

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