Montag, 29. Juni 2026

Madame Lazare von Tadhg Mac Dhonnagáin (Autor), Elvira Veselinović (Übersetzerin)


 Seit sie denken kann, ist Levana stolz auf ihre jüdische Herkunft, die Generationen jüdischer Frauen, von denen sie abstammt, auf ihre Großmutter, Hana Lazare, die als Einzige in ihrer Familie die Shoah überlebt hat – und es nie geschafft hat, dar­über zu sprechen. Bis Hana, die zunehmend den Bezug zum Hier und Jetzt verliert, plötzlich anfängt, Wörter in einer Sprache zu murmeln, die Levana vollkommen fremd ist. Als sie beginnt, die Bruchstücke zusammenzufügen, die aus Madame Lazares Erinnerung emporgespült werden, löst sich vor ihren Augen alles, was sie über das Leben ihrer Großmutter weiß, in Nichts auf. Die Spur führt sie von Paris und Brüssel bis ans Ende der Welt, eine kleine Insel vor der irischen Atlantikküste, zu einem jungen Mädchen, das sich nicht mehr vom Leben wünscht, als alt werden zu dürfen auf dieser Insel, wo der Wind ihr das Haar zerzaust, beim Klang der Wellen und dem Geruch von Seetang, beim Geschichtenerzählen am Torffeuer – bis etwas ihr Leben für immer ändert.


Mit einem Prolog, der sofort Fragen aufwirft, gelingt dem Roman ein starker Einstieg: 1944 rudern eine Frau und ein Mann in die Galway Bay hinaus, um eine Leiche im Meer zu versenken. Genau dieser Auftakt sorgt dafür, dass ich direkt wissen wollte, wie es zu dieser Situation gekommen ist und was die Geschichte noch bereithält.


Doch zunächst führt uns der Autor ins Jahr 2015. Levana erhält einen Anruf, der sie nach Paris zu ihrer Großmutter Hana Lazare ruft. Hana, bei der Levana nach dem Tod ihrer Mutter aufgewachsen ist, stammt aus Estland und hat als einziges Mitglied ihrer Familie die Shoah überlebt. Levanas Mutter Brigitte hatte ihren Eltern Hana und Samuel das Versprechen abgenommen, Levana im jüdischen Glauben aufwachsen zu lassen. Für Hana wird das zunehmend schwerer, sodass sie Samuel die religiöse Erziehung des Kindes überlässt. Über ihre Vergangenheit spricht sie nicht. Es ist, als hätte es diese nie gegeben.

Ein weiterer Erzählstrang führt die Leser:innen auf eine kleine irische Insel.

Muraed liebt die Geschichten und Gedichte, die ihr Vater und seine Freunde am Torffeuer erzählen. Ein Völkerkundler sammelt diese Erzählungen, indem er Schulen im ganzen Land besucht und die Kinder auffordert, sie aufzuschreiben, damit sie nicht verloren gehen. Auch Muraed gehört zu diesen Kindern und schreibt mit großer Begeisterung auf, was ihr erzählt wird. Weil es dabei nicht nur um religiöse Geschichten geht, gerät sie mit dem Schulmeister in Konflikt, der keine „Lügenmärchen über Jesus“ lesen will und sie dafür bestraft. Umso wichtiger ist für Muraed die Unterstützung des Pfarrers, der darauf besteht, dass sie die Anerkennung bekommt, die ihr zusteht. Das stärkt sie in ihrem Glauben, das die Gebete die sie an die Jungfrau Maria richtet erhört werden.


Tadhg Mac Dhonnagáin erzählt die Handlung abwechselnd aus Hanas und Muraeds Leben. Verbindendes Element ist Levana, die von ihrer zunehmend dementen Großmutter immer wieder Worte in einer ihr unbekannten Sprache hört. Neugierig sammelt sie diese Sprachfragmente und schickt sie an eine Dolmetscherin für Estnisch. Doch auch dort bleibt die Suche zunächst erfolglos. Erst später zeigt sich, dass Hana Irisch spricht. Mir war die Verbindung zwischen Hana und Muraed relativ schnell klar, ebenso wie das Schweigen, das Hana über ihre Vergangenheit bewahrte. Sie konnte nichts über eine offizielle Version ihres Lebens erzählen, weil es diese schlicht nie gab. Erst als Levana Hanas Geheimnis enthüllt, gelingt es ihr, sich mit dem Verhalten ihrer Großmutter etwas zu versöhnen. Nicht alles wird dabei vollständig aufgeklärt, doch gerade das macht einen Teil der Wirkung dieser Geschichte aus. Im Kern erzählt der Roman von der Suche nach Identität, von Sprache als Verbindung zur Vergangenheit und von dem Gewicht, das ungelöste Geheimnisse mit sich bringen. Gerade Hanas Schweigen zeigt eindrucksvoll, wie belastend eine Vergangenheit sein kann, die auf einer Lebenslüge beruht.

Ich mochte es sehr, dass der Roman am Ende nicht alle Fragen beantwortet. Zwar sind wir Leser Levana in mancher Hinsicht voraus und erfahren mehr über Hanas Schicksal als sie selbst. Dennoch bleiben einige Details im Dunkeln. So wird Hanas Wunsch, ihre Vergangenheit nicht vollständig preiszugeben, zumindest teilweise respektiert. Dieser Verzicht auf eine vollständige Auflösung wirkt auf mich konsequent und macht den Schluss umso eindrucksvoller.

Das Glossar am Ende des Buchs erweist sich übrigens als sehr hilfreich. 



  • Herausgeber ‏ : ‎ Alfred Kröner Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 23. März 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 300 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3520630052
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3520630056
  • Originaltitel ‏ : ‎ Madame Lazare

Dienstag, 23. Juni 2026

Summer of Mexican Mystery: Eine Romance zum Miträtseln mit Seiten zum Aufklappen von Nina Bilinszki


Normalerweise greife ich weder  zu Liebesromanen noch zu Rätselbüchern. Umso überraschender war es für mich, dass mich Summer of Mexican Mystery am Ende doch ziemlich gut unterhalten hat. Ganz ehrlich: Ein Teil meiner Neugier war definitiv dem hübschen Cover und der liebevollen Innengestaltung geschuldet. 

Aurora kehrt an einen Ort zurück, der für sie mit glücklichen Erinnerungen verbunden ist, um nach einer unerwarteten Trennung zur Ruhe zu kommen. Doch ausgerechnet dieser Rückzugsort birgt inzwischen ein dunkles Geheimnis. Als sie auf den verschlossenen, aber attraktiven Rafael trifft, dessen Freundin Valentina vor einem Jahr spurlos verschwunden ist, gerät sie immer tiefer in ein Netz aus Vermutungen, Rätseln und Ungewissheit. Dabei geht es nicht nur um die Frage, was damals wirklich passiert ist, sondern auch darum, ob Aurora ihrem Herzen und ihrer eigenen Wahrnehmung trauen kann.

Gerade diese Verbindung aus romantischer Spannung und mysteriöser Handlung hat mir gefallen. Die Geschichte entwickelt sich nicht überstürzt, sondern eher vorsichtig und mit einer gewissen Zurückhaltung, was gut zur Atmosphäre passt.  Besonders schön ist, dass die Romanze nicht einfach nebenbei mitläuft, sondern eng mit dem Rätsel um Valentina verbunden ist und dadurch mehr Tiefe bekommt.

Auch der Ort trug für mich viel zur Wirkung der Geschichte bei. Die mexikanische Kulisse, die sommerliche Stimmung und die besondere Gestaltung des Buches machen es zu einem echten Hingucker. Dazu kommt der spielerische Rätselcharakter, der die Geschichte von einer klassischen Liebesgeschichte abhebt und ihr etwas Eigenes verleiht. Gerade weil ich normalerweise nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre, war es für mich spannend zu sehen, wie gut diese Mischung funktionieren kann.

Unterm Strich war Summer of Mexican Mystery für mich eine angenehme Überraschung. Das Buch lebt von seiner Atmosphäre, der hübschen Aufmachung und der gelungenen Verbindung aus Romance und Mystery. Wer Lust auf eine sommerliche Geschichte mit Herzklopfen, Geheimnissen und einem kleinen Miträtselfaktor hat, dürfte hier gut aufgehoben sein.



  • Herausgeber ‏ : ‎ Pattloch Geschenkbuch
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 29. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 184 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3629016103
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3629016102

Der Club der Unbeugsamen von Kathrin Stockett (Übersetzerin Cornelia Holfelder-von der Tann )


Oxford, Mississippi, 1933: Während die Wirtschaftskrise das Leben vieler Menschen erschüttert, kreuzen sich die Wege dreier sehr unterschiedlicher Frauen. Was sie verbindet, ist nicht nur ihre schwierige Lage, sondern auch der Mut, gemeinsam etwas zu verändern. Sie wagen sich an einen Plan, der riskant ist, aber vielleicht genau deshalb notwendig. Denn in einer Zeit, in der Frauen nur wenig Spielraum bleibt, kann schon ein kleiner Schritt Konsequenzen haben.

Besonders ans Herz gewachsen ist mir die elfjährige Meg, die wir zu Beginn des Romans kennenlernen. Meg lebt seit zwei Jahren im Waisenhaus von Oxford. Das kleine Mädchen ist klug und pragmatisch, sie hat die Hoffnung, dass ihre Mutter, die vor zwei Jahren einfach verschwand, sie wieder abholt, noch nicht ganz aufgegeben. Das außerordentlich intelligente Mädchen wird von der Vorsitzenden des Waisenhauskomitees, Garnett Pittman, drangsaliert und von den anderen Kindern separiert.

Frances hat nach ihrer Hochzeit mit dem wohlhabenden Rory den Kontakt zu ihrer Familie weitgehend abgebrochen. Sie antwortet nicht auf Briefe und ruft auch nicht zurück. Deshalb schicken ihre Mutter und Großmutter ihre Schwester Birdie zu ihr in die Stadt, um sie um Geld zu bitten, denn die Finanzkrise hat auch ihre Familie getroffen.

Birdie erkennt recht schnell, dass im Leben der Reichen oft mehr Schein als Sein ist. Frances engagiert sich als Freiwillige im Waisenhaus, und Birdie erklärt sich bereit, sich um die Buchhaltung des Waisenhauses zu kümmern. Sie schließt die kleine Meg in ihr Herz und beschließt, ihr zu helfen – entgegen der Weisung von Miss Garnett, der Vorsitzenden des Waisenhauskomitees.

Miss Garnett ist dabei das genaue Gegenteil all dieser starken Frauen. Sie gibt sich moralisch überlegen, wirkt aber von Anfang an kalt, herrisch und bösartig. Ich habe mich schnell gefragt, ob Meg wirklich aus heiterem Himmel von ihrer Mutter verlassen wurde, denn so, wie Meg an ihre Mutter dachte, passte das für mich überhaupt nicht zu einer Frau, die ihr Kind einfach aufgegeben haben soll. Mehr möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten.

Kathryn Stockett erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Sicht von Meg und Birdie. Die unterschiedliche Sicht auf die Dinge macht die Geschichte sehr abwechslungsreich. Mit „Der Club der Unbeugsamen“ ist der Autorin ein wunderbarer Roman gelungen, der ein sehr lebendiges und glaubwürdiges Bild dieser Zeit zeichnet. Besonders gefallen hat mir, dass sie trotz der ernsten Themen wie Wirtschaftskrise, Rassismus und den bedrückenden Zuständen im Waisenhaus einen leichten, gut lesbaren Ton findet. Genau das macht das Buch trotz seines großen Umfangs zu einem echten Pageturner.

Unbedingt lesenswert ist auch das Nachwort, in dem die Autorin auf ihre Recherchen eingeht und den historischen Hintergrund noch einmal deutlich macht. Vor allem der Verweis auf die damaligen Sterilisationsgesetze ist erschütternd dort wird auch klar, dass sich das Nazi-Regime bei seinen eigenen Gesetzen an solchen amerikanischen Regelungen orientierte. wie tief menschenverachtende Ideen bereits lange vor dem Nationalsozialismus verankert waren.

 

  • Herausgeber ‏ : ‎ btb Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 27. Mai 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 848 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442763355
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442763351
  • Originaltitel ‏ : ‎ The Calamity Club

Freitag, 19. Juni 2026

Lesen ist mehr als ein Moment. Blogs bewahren Geschichten.








In Zeiten von TikTok, Instagram und Co. könnte man fast meinen, klassische Blogs hätten ausgedient. Alles wirkt schneller, bunter und oft auch ein wenig flüchtig. Und doch greife ich selbst täglich auf Social Media zurück. Ich schätze den Austausch, die schnellen Eindrücke, die vielen Inspirationen und natürlich die Möglichkeit, mit anderen Buchmenschen in Kontakt zu bleiben.

Und trotzdem merke ich immer wieder, warum mein Blog für mich etwas ganz Besonderes ist.

Ein Blog ist für mich ein Ort der Ruhe. Hier darf ich mir Zeit nehmen. Zeit für meine Gedanken, für meine Eindrücke und für die Geschichten, die ich gelesen habe. Ich muss nichts in wenigen Sekunden auf den Punkt bringen, sondern kann ein Buch wirklich wirken lassen und meine Meinung in aller Ruhe formulieren.

Was ich besonders liebe, ist die Beständigkeit. Wenn ich heute eine Rezension schreibe, weiß ich, dass ich sie auch in einem Jahr oder noch später wiederfinden kann. Oft stöbere ich selbst in meinen älteren Beiträgen und erinnere mich dabei an Bücher, die mich begleitet haben. Dieses Gefühl kann mir kein noch so schöner Social Media Beitrag geben, der nach kurzer Zeit im Strom neuer Inhalte verschwindet.

Auch als Leserin schätze ich genau das. Wenn ich nach einem Buch suche, möchte ich mehr als nur einen kurzen Eindruck. Ich möchte wissen, wie sich eine Geschichte anfühlt, was sie besonders macht und ob sie mich wirklich erreichen könnte. Genau dafür sind Blogs für mich der richtige Ort.

Ein weiterer Punkt ist für mich die Freiheit. Mein Blog gehört mir. Ich entscheide, wie ich schreibe, wie ausführlich ich werde und welche Bücher ich vorstelle. Ich muss mich nicht nach Vorgaben richten oder darauf achten, ob ein Beitrag möglichst schnell Aufmerksamkeit bekommt. Diese Unabhängigkeit macht für mich einen großen Teil der Freude am Bloggen aus.

Und dann ist da noch etwas, das sich schwer beschreiben lässt, aber für mich sehr wichtig ist. Ein Blog trägt immer auch die Persönlichkeit seines Schreibenden. In den Worten, in den Formulierungen, in der Art, wie Bücher beschrieben werden. Genau das macht ihn für mich lebendig und nahbar.

Für mich stehen Blogs und Social Media dabei nicht im Widerspruch. Ganz im Gegenteil. Instagram und Facebook sind für mich wichtige Begleiter. Dort entdecke ich Neuerscheinungen, bleibe über Veranstaltungen informiert und tausche mich mit anderen aus. Sie helfen mir auch dabei, auf meine Beiträge aufmerksam zu machen.

Aber mein Blog ist der Ort, an dem all das zusammenkommt. Hier haben meine Gedanken Raum. Hier bleiben sie. Und genau deshalb haben Blogs für mich auch heute noch ihren festen Platz.

Kekeli von Jessica Mawuena Lawson


Im Zentrum der Geschichte steht Kekeli, die auf den ersten Blick angepasst, reflektiert und angenehm unaufgeregt wirkt. Gerade das macht sie interessant. Sie ist keine rebellische Heldin, sondern jemand, der beobachtet, analysiert und Eindrücke sortiert. Dafür führt sie gedankliche Karteikarten, auf denen sie Informationen über die Menschen festhält, denen sie begegnet.

Kurz vor dem Abiball besucht ihre Cousine Afi aus Togo die Familie. Gemeinsam mit Afi und ihrem Schulkameraden  Kwame besucht Kekeli einen Open-Mic-Abend. Dort entsteht die Idee, Kwame und seinen Bruder Kofi auf einem Roadtrip nach Berlin zu begleiten. Im Rahmen eines Kulturprojekts wollen sie Schwarzen Lifestyle in Deutschland dokumentieren. 

Auf der Reise thematisiert Lawson auch die Angst vor rechtsradikaler Gewalt und die rassistischen Erfahrungen, die Schwarze Menschen in Deutschland machen können. Wichtig ist dabei, dass Lawson keineswegs pauschale Vorwürfe gegen Deutsche oder Deutschland erhebt. Stattdessen zeigt sie realistisch, dass solche Erfahrungen für viele Schwarze Menschen Teil ihres Alltags sind. Es geht um Sichtbarkeit, nicht um Verurteilung.

Besonders gelungen ist, wie der Roman die Frage nach Zugehörigkeit nicht abstrakt behandelt, sondern in konkrete Begegnungen und Alltagserfahrungen übersetzt. Die Begegnung mit Afi spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie Kekeli mit einem selbstbewussteren Zugang zu ihrer Herkunft konfrontiert. Der Roman zeigt sehr überzeugend, dass Identität nicht einfach gefunden wird, sondern durch Erfahrungen entsteht.

Ein besonders starker Moment ist die Begegnung mit Alida, einer Autorin, die die Gruppe auf ihrer Reise kennenlernt. Sie hat das Buch „Speaking the Lion's Truth. Schwarze Deutsche Geschichte und Gegenwart" geschrieben. Der Titel verweist auf ein berühmtes Zitat von Chinua Achebe:

„Bis die Löwen ihre eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger verherrlichen."

Dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Roman. Es geht darum, wer Geschichten erzählt und wessen Perspektiven sichtbar werden. Für Kekeli wird deutlich, dass Schwarze deutsche Geschichte nicht nur erzählt werden kann, sondern erzählt werden muss.

„Kekeli" ist ein Jugendroman, deshalb hat mich auch die Liebesgeschichte nicht gestört. Sie steht nie im Mittelpunkt, verleiht der Handlung aber eine zusätzliche Ebene. Die vorsichtige Annäherung zwischen Kekeli und Kwame fand ich wunderschön erzählt.

Sprachlich wirkt das Buch klar, zugänglich und sorgfältig aufgebaut. Lawson setzt nicht auf große Dramatik, sondern auf Beobachtung, Atmosphäre und die Entwicklung ihrer Figuren. Wer actionreiche Handlung erwartet, wird hier eher ein ruhiges Buch finden. Genau darin liegt aber eine große Stärke des Romans.

Besonders gelungen ist für mich, dass „Kekeli" Schwarze deutsche Gegenwart nicht als Randthema behandelt, sondern als selbstverständlichen Teil einer Familien- und Lebensgeschichte. Dadurch gewinnt das Buch politische Tiefe, ohne belehrend zu wirken.

Fazit: „Kekeli" ist ein stilles, kluges und emotional nachwirkendes Debüt über Herkunft, Zugehörigkeit und Selbstfindung. Wer fein erzählte Familiengeschichten mit gesellschaftlicher Tiefe mag, sollte sich diesen Roman merken. Gerade weil er nicht auf laute Effekte setzt, bleibt er lange im Kopf. Die Figur Alida und ihr fiktives Buch machen zudem deutlich, wie wichtig es ist, dass Menschen ihre eigenen Geschichten erzählen können.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Verbrecher
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 26. Januar 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 270 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3957326435
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3957326430

Dienstag, 16. Juni 2026

Der Tod kennt deinen Namen: Kriminalroman von Thea Fischer



Gemeinsam mit ihrem Partner, dem ehemaligen Zielfahnder Bernd Niemann, betreibt Lena Meister eine Agentur, die Menschen dabei hilft, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und irgendwo neu anzufangen. Ob es nun die frischgebackene  Lottomillionärin ist, die von ihrer eigenen Familie ausgenutzt wurde und einfach nur noch weg will, oder ein Stalking-Opfer, das sich von der Justiz allein gelassen fühlt  Lena und Bernd planen jeden Schritt sehr genau und mit viel Feingefühl, damit ein spurloses Verschwinden überhaupt möglich wird. Dabei bewegen sie sich bewusst im legalen Rahmen, auch wenn ihr Vorgehen nicht immer alltäglich ist.

Relativ schnell wird klar, dass Lena selbst genau weiß, wovon sie spricht. Ihr Verhalten wirkt nicht übertrieben, sondern nachvollziehbar: Sie bleibt nie lange an einem Ort, lässt kaum jemanden wirklich an sich heran und ist ständig auf der Hut. 

Lena wird von Michelle um Hilfe gebeten die von ihrem Ehemann bedroht wird, Lena beschließt ihr ohne genauen Check der Situation  zu helfen.Kurz darauf ist Michelle tot und es wird  eine an Lena gerichtete Botschaft bei ihr gefunden. Und sie wird von der Helfenden zur Gejagten.

Die Rückblenden im Buch haben mir sehr gut gefallen, weil sie nach und nach erklären, warum Lena so geworden ist. Gerade am Anfang wurde mir etwas zu oft betont das Lena sich versteckt, aber je weiter die Geschichte voranschreitet, desto verständlicher wurde ihr Versteckspiel für mich.

Die Spannung entwickelt sich eher schleichend. Dafür bleibt man aber dran, weil man verstehen will, was hinter Lenas Vergangenheit steckt und die Frage ob sie wirklich in Gefahr ist halten die bereits angesprochene Spannung auf einem durchgehenden Level. Die Wechsel zwischen früher und heute funktionieren dabei gut und halten die Geschichte in Bewegung, ohne künstlich zu wirken. Lena selbst ist keine typische Ermittlerin, sondern agiert vorsichtig und überlegt, das passt hier einfach besser als ein draufgängerischer Charakter.

Unterm Strich ist „Der Tod kennt deinen Namen“ ein spannender Krimi mit einer interessanten Grundidee, der sich angenehm von klassischen Ermittlergeschichten abhebt. 



  • Herausgeber ‏ : ‎ Ullstein Taschenbuch
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 28. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 336 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3548073875
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3548073873


Freitag, 12. Juni 2026

Sturm über Christiansø (Ein Bornholm -Krimi. Lennart Ipsen, Band 4) von Michael Kobr

Mitten in der Ostsee, unweit der dänischen Sonneninsel Bornholm, liegen die kleinen Erbseninseln. Ein paar Dutzend Einwohner, viel Natur und malerische Fischerkaten: das perfekte Idyll. Bis die junge Umweltaktivistin Anna unter mysteriösen Umständen verschwindet. Besteht ein Zusammenhang mit ihrem erbitterten Kampf gegen einen großen Windpark vor der Küste? Lennart Ipsen, Leiter der Bornholmer Kripo, nimmt das Postschiff, um im winzigen Christiansø erste Ermittlungen anzustellen. Doch ein heftiger Sturm zieht auf, Lennart sitzt fest. Und muss, während der Wind die Inseln umtost, feststellen, dass auch dieser scheinbar so verwunschene Ort nicht von den Herausforderungen der modernen Zeit verschont geblieben ist – und Neid, Hass und Habgier ihren festen Platz haben.



Mittlerweile begleiten wir Lennart Ipsen bei seinem 4. Fall. Lennart fühlt sich wohl auf Bornholm, und so plant er ein gemeinsames Essen mit seinen Kolleginnen Britta Blomdal und Tao Nguyen und seinem Vorgänger Morten Nygaard, mit denen er mittlerweile freundschaftlich verbunden ist. Und er will mit seiner jüngeren Tochter Ida einen Segeltörn machen; dazu müsste er allerdings zunächst einmal seinen Segelschein machen. Die Prüfungen dafür stehen an, und Lennart hat noch nichts dafür gelernt. Wer Lennart kennt, weiß: das ist eigentlich ein gutes Zeichen, hat er doch seinen Perfektionismus, der ihn in den Burnout trieb, überwunden. Nur Ida wird nicht begeistert sein, wenn er durch die Prüfung fällt, und so nimmt er sich vor, noch fleißig zu lernen. Dann kommt allerdings ein Fall, der alles kurzfristig verändert: Lennart und sein Team müssen im Zusammenhang mit der verschwundenen Umweltaktivistin Anna ermitteln. Lennart setzt nach Christiansø über und sitzt während eines Sturms erstmal auf der kleinen Insel fest und lernt, dass auch auf Christiansø die Zeit nicht stehengeblieben ist; Habgier und Neid sind dort ebenso zuhause wie überall auf der Welt.

Mit diesem Band greift Michael Kobr ein hochaktuelles Thema auf: Umweltschutz und erneuerbare Energien. Beide Seiten haben gute Argumente, und eigentlich sollte man meinen, dass sie ein gemeinsames Ziel haben und dass mit entsprechenden Kompromissen beidem gerecht werden könnte, und vor allem, dass beides untrennbar miteinander verbunden ist. Doch wie es so ist: an Kompromissbereitschaft mangelt es. Und dann ist da noch das geheimnisvolle Päckchen, das ein Matrose im Prolog von einem Containerschiff ins Meer wirft. Auch wenn ich schon ahnte, was es enthält, war ich natürlich gespannt, wie sich diese beiden Stränge miteinander verbinden.

Der Autor hat es wieder einmal geschafft, mir die besondere Atmosphäre der Inseln zu vermitteln. Seldom schafft es ein Krimi in mir den Wunsch zu wecken, die Orte, an denen er spielt, aufzusuchen.

Was die Reihe um Lennart Ipsen so lesenswert macht, ist das gute Zusammenspiel von Spannung und Humor. Trotz des brisanten Themas gibt es immer wieder humorvolle Momente, die die Stimmung aufhellen, ohne die Spannung zu zerstören. Genau das macht die Reihe angenehm lesbar: man bleibt dran, ohne dass der Krimi zu schwer oder zu düster wird. Dieser Band bestätigt das erneut, atmosphärisch, dicht und mit einem feinen Blick für das Leben auf den Inseln.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Goldmann Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 10. Juni 2026
  • Auflage ‏ : ‎ Originalausgabe
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 400 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3442302390
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3442302390

Donnerstag, 11. Juni 2026

Zu Gast im Buecherhaus Marko Richter-Höfer

Hallo Marko, ich freue mich dich im Buecherhaus begrüßen zu dürfen, Kaffee, Tee, Kekse und Wasser stehen, leider nur virtuell, bereit. Bedien dich also gern ungeniert.

Heute erscheint ganz offiziell deine Novelle "Der Rückzug" Ersteinmal herzlichen Glückwunsch dazu.

Wie hast du die Idee zu „Der Rückzug" entwickelt, und was war der erste Auslöser, der dich dazu gebracht hat, genau diese Geschichte zu schreiben?



Vielen Dank, Manuela! Auch für die Einladung zu diesem Interview. Einen leckeren Kaffee habe ich neben mir stehen.

Seit einem Jahr pendle ich hauptberuflich an zwei Tagen in der Woche zwischen Lüneburg und Lüchow bzw. Dannenberg. Dabei fahre ich durch die schöne, dünn besiedelte Landschaft des Wendlands und habe viel Zeit, um mit weitem Blick über die Felder, vorbei an kleinen Dörfern, Ideen zu entwickeln und gedanklich auszuarbeiten. Dazu haben die Begegnungen mit den Menschen vor Ort zu der Idee beigetragen. Nicht alles an dem Flächenlandkreis Lüchow-Dannenberg ist für jeden dort positiv, die mangelhafte Infrastruktur z.B., speziell die Versorgung psychisch kranker Menschen. Aber ein „Rückzug“ ist hier definitiv möglich.

Irgendwann hat es einfach Klick gemacht.


Welche Art von Recherche hast du für „Der Rückzug" durchgeführt? Hast du dich mit Burnout-Themen, psychologischen Aspekten oder dem Wendland selbst beschäftigt, und wie lange hat diese Vorbereitung gedauert?


Durch meine Arbeit in einer Beratungsstelle für Menschen mit Beeinträchtigungen habe ich oft Berührungspunkte mit psychischen Krankheitsaspekten. Und schon im Studium hatte ich Psychologie als Nebenfach, und später habe ich in dem Bereich eine Weiterbildung absolviert.

Zudem hatte ich auch persönlich schon Berührungspunkte.

Wenn du so willst, läuft die Vorbereitung auf solche literarischen Themen also schon viele Jahre lang.

Dem Wendland habe ich mich dann noch zusätzlich über Internetrecherche genähert, (historische) Fakten ermittelt usw. Und den Ort Clenze habe ich mir angeschaut, bin dort mit dem Auto herumgefahren, habe Fotos gemacht, um ein besseres Gefühl für ihn zu bekommen. Dass es dort tatsächlich Storchennester gibt und früher eine riesige Funkstation in dem Gebiet aufgestellt war, habe ich nur so erfahren. Beides habe ich in die Geschichte eingebaut.


Du schreibst sowohl Kinderliteratur (wie „Ida und Soraya") als auch Werke für Erwachsene wie „Der Rückzug" oder eine Zombiegeschichte in Lauf oder Stirb (Friedland) Wie unterscheiden sich dein Schreibprozess und deine Herangehensweise zwischen diesen völlig unterschiedlichen Zielgruppen?


„Ida und Soraya“ war mein Debüt, an dem ich lange gearbeitet und gefeilt habe. Neben verschiedenen Schreibkursen hat die wunderbare Lektorin und Herausgeberin Carolin Gmyrek, die ich seither bei jedem Projekt zu Rate ziehe, den größten Anteil daran, dass ich mittlerweile in verschiedenen Genres und für verschiedene Zielgruppen schreibe. Weil ihr mein Schreiben gefallen hat, lud sie mich beispielsweise zur Zombie Zone Germany ein.

Ich liebe alle Bereiche, und der Schreibprozess ähnelt sich tatsächlich. Bei der „Rückzug“ musste ich mehr auf (psychologischen) Realismus und Geografie achten, während das Worldbuilding bei Kinder-Fantasy-Literatur ja eine große Spielwiese ist. Vielleicht ist die Zombie-Literatur für mich eine Art Mischung. Die phantastischen Vorgaben sind da, ich achte auf psychologische Dichte und Realismus bei den Figuren, aber ich kann mich inhaltlich richtig austoben.




Wie recherchiert du allgemein für die unterschiedlichen Genres, in denen du schreibst? Gibt es Methoden oder Quellen, die du für Kinderbücher anders nutzt gegenüber Erwachsenenliteratur?

Die beste Recherche ist für mich immer das Lesen anderer Bücher. Meine Tochter ist jetzt Acht, da haben wir schon verschiedene Arten von Kinderliteratur gemeinsam gelesen. Da nehme ich viel mit. Das Gleiche gilt für das Erwachsenen-Genre. Stephen King sagte mal sinngemäß: „Wenn du nicht gerade schreibst, dann lies viel.“ Mir hilft das, bei Stil, Technik und Storytelling meinen eigenen Weg zu finden.

Die größte Quelle ist meine Fantasie. Und die ist riesig.



Was macht dir am meisten Spaß beim Schreiben – die fantasievolle Weltgestaltung in Kinderbüchern oder die tiefgründige, vielleicht düstere Erzählweise in Werken wie „Der Rückzug", und warum?


Im Kinderbuch habe ich es geliebt, meiner Fantasie völlig freien Lauf zu lassen und eine spannende, aber rundum schöne Geschichte zu erzählen. Es gibt auch Ideen für eine Fortsetzung und für ein weiteres Kinderbuch.
Ehrlich gesagt haben mich jedoch derzeit die psychologischen und eher düsteren Themen, manchmal mit einem Hauch Philosophie, fest im Griff. Mich interessieren, wie sich Menschen und ihr Umfeld in Ausnahmezuständen oder in veränderten Gesellschaften entwickeln. Aber alles im Rahmen der Phantastik. Es treibt mich an, über Themen zu schreiben, die mir im Kern nahe sind oder mit denen ich mich auskenne – und sie in ein phantastisches Setting zu schmeißen und somit wieder ein Stück weit weg von mir zu bringen.



Wie gehst du bei der Entwicklung der Charaktere vor? Insbesondere bei Steffen, dem Protagonisten aus "Der Rückzug"? Arbeitest du mit einem detaillierten Profil oder hat er sich erst während des Schreibens so entwickelt?

Am Anfang steht für mich immer die Frage: Was wäre, wenn? Und hier war es: Was wäre, wenn jemand, der die Welt und die Menschen satt hat, aber in einem familiären Gefüge steht, sich sehnlichst nach einem permanenten Rückzugsort sehnt, von dem er sich Entlastung und innere Ruhe erhofft? Und was, wenn die Erfüllung dieses Wunsches eine gefährliche Richtung einschlägt? Ich fand das Gedankenspiel faszinierend und dazu auch sehr aktuell. Und das phantastische Element der unsichtbaren Barriere passte auf vielen Ebenen sehr gut für meine Geschichte.

Steffen hatte ich bereits zu Beginn charakterlich stark umrissen, und seine innere Reise war für mich fest. Aber ich mag es sehr, erst im Schreibprozess die Charaktere umfänglich mit Farbe und Form zu füllen.



Du warst 30 Jahre als Singer-Songwriter aktiv, wenn ich das richtig recherchiert habe. Wie hat diese musikalische Vergangenheit dein Schreiben beeinflusst, und überträgst du Elemente aus der Songwriting-Praxis (wie Struktur, Rhythmus, emotionale Spitzen) auch in deine Novellen?


In der Musik hat man etwa drei Minuten Zeit (heutzutage wegen der schwindenden Aufmerksamkeitspanne eher noch weniger), eine Geschichte zu erzählen, ein Bild von einer Situation oder einem Gefühl zu malen.

Mein Schreibstil ist dadurch nicht in der Knappheit, aber auf andere Art geprägt:

Ich habe nie ein Lied am Reißbrett entworfen - etwa.: Heute schreibe ich über Menschen in Not. Es war stets stimmungsgetrieben, manchmal von der Melodie und vom Takt bestimmt, aber immer ergebnisoffen.

So zähle ich mich heute auf dem Spektrum von Plotter und Pantser auch eher zu Letzterem. Ich strukturiere schon mehr deutlich mehr als am Anfang und, wie gesagt, arbeite ich auch Charaktere bis zu einem gewissen Grad gewissenhaft vorher aus. Aber dann schreibe ich viel „auf dem Weg“. Ich schaue, wo die Geschichte mich hinträgt und korrigiere zügig, wenn etwas nicht passt. Dabei gehe ich Szenen sehr bildhaft, rhythmisch und filmisch an. Das habe ich vom Songschreiben übernommen - mit möglichst tragfähigen Bildern zu arbeiten, die sich beim Hörer/Leser schnell formen können und Emotionen wecken. Mein Ziel war und ist es, auf die eine oder andere Art zu berühren.



Welche Reaktionen auf "Der Rückzug" wünscht du dir von deinen Lesern, meiner Meinung nach ist die Novelle ja weit mehr als eine "Misterystorie"


Wenn ich es mir ausmalen dürfte, würde ich sagen: „Das Buch hat mich sehr gut unterhalten und bewegt.“ Und wenn zwischendurch der Gedanke auftaucht: „Sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst. Du könntest es bekommen“.


Wenn du nicht schreibst, wie verbringst du deine Zeit


Da bleibt neben der Arbeit manchmal gar nicht viel, außer für meine Familie und den Hund natürlich. 😊 Aber auch die Familie zeigt viel Verständnis für intensive Schreib- und Überarbeitungsphasen. Ansonsten genieße ich ein gutes Buch, Hörbuch oder auch einen Film.


Gibt es das eine Buch, nachdem du wusstest "Ich muss auch schreiben".

Nein, DAS eine Buch nicht. Aber es gibt „Stephen King 😊. 
👍

Nach dem Buch ist vor dem Buch. Was dürfen wir als nächstes von dir lesen, kannst du schon etwas verraten?


Mit der bereits erwähnten Carolin Gmyrek als Herausgeberin darf ich für den Amrun-Verlag im Oktober eine weitere Novelle in Form eines Heftromans veröffentlichen. Es ist also ein fantastisches Schreibjahr für mich.

Diese Geschichte spielt wieder in der Welt der Zombie Zone Germany. Daran habe ich seit 2024 gearbeitet. Ich freue mich riesig darauf!

Zudem habe ich bei einigen Ausschreibungen Kurzgeschichten ins Rennen geschickt. Aber da dort erfahrungsgemäß viele tolle Geschichten eingehen, nehme ich es sportlich und so wie es kommt.

Vielen Dank, für deinen Besuch im Buecherhaus und für deine geduldige Beantwortung meiner Fragen, ih freue mich auf die ZZG Novelle, da gilt für mich das Gleiche wie für Stephen King: Ihr schreibt, ich lese. 

Neugierig geworden auf "Der Rückzug"? Hier ist der Link zu meiner Rezension


Schatten Eis: Thriller (Privatermittlerin Marit Rauch Iversen 3) von Anne Nordby


Klappentext:»Der Anngiaq ist ein böser Geist. Er riecht Geheimnisse, fühlt sich magisch davon angezogen. Er schleicht sich in dein Leben und vergiftet es langsam. Wie der Kadaver eines verwesenden Tieres, der oben in einem Bachlauf liegt und das Wasser vergiftet, das man unten schöpft und durstig trinkt.«
Ein altes Geheimnis, tief verborgen in Grönlands Geschichte. Wer es ans Licht bringt, muss sterben. So besagt es ein alter Fluch. Marit Rauch Iversen war noch ein Kind, als der Anngiaq ihre Familie in Grönland tötete. Heute arbeitet sie als Super-Recognizerin für die Polizei in Kopenhagen. Den Fluch von damals hat sie längst vergessen. Bis eine Reihe grausamer Morde die dänische Hauptstadt erschüttert.




„Schatten Eis“ ist der dritte Band um die Ermittlerin Marit Rauch Iversen, eine Figur, die ich als besonders gelungen wahrnahm. Schon allein die Tatsache, dass sie als „Super-Recognizerin“ arbeitet, finde ich sehr interessant. Als jemand, der sich selbst keine Gesichter merken kann, finde ich diese Fähigkeit sehr faszinierend. Dass Marit bereits als Kind mit dem Anngiaq und dem Tod ihrer Familie konfrontiert wurde, verleiht der Handlung zusätzliche Tiefe und macht ihre Ermittlungen sehr persönlich. Auch ihr Beruf als Super-Recognizerin passt hervorragend zur kriminalistischen Handlung und gibt ihr ein eigenständiges Profil, das sie von vielen anderen Ermittlerfiguren im Genre unterscheidet.

Als eine Mordserie Kopenhagen erschüttert, deren einzelne Taten durch das Symbol des Tupilak, eines mythischen Rachewesens aus der traditionellen Inuit-Mythologie Grönlands, angekündigt werden, beginnen Marit, Kirsten Vinther und Jesper Jørn Bæk mit ihren Ermittlungen. Schnell wird deutlich, dass hinter den Verbrechen mehr steckt als ein gewöhnlicher Serienmörder, und die Spuren führen immer tiefer in die Geschichte Grönlands und die Vergangenheit der Beteiligten.

Was das Buch für mich besonders reizvoll machte, ist die Verbindung aus klassischer Ermittlungsarbeit und grönländischer Mythologie. Der Anngiaq ist dabei weit mehr als nur ein Gruselelement; er steht auch für Verdrängung, Schuld und die Schatten einer kolonialen Vergangenheit zwischen Dänemark und Grönland. Diese Ebene verleiht dem Roman zusätzliche Spannung und hebt ihn von vielen anderen Nordic-Noir-Thrillern ab. Nach und nach verknüpft die Autorin politische Hintergründe mit der grönländischen und dänischen Geschichte sowie klassischer Polizeiarbeit. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild, das sehr spannend ist.

Besonders gelungen fand ich die Atmosphäre des Romans. Anne Nordby schafft es, eine stetig wachsende Bedrohung aufzubauen, die sich durch die gesamte Handlung zieht. der Thriller punktet mit Misstrauen, Unsicherheit und einer zunehmend beklemmenden Dynamik ohne sich in den zahlreichen Themen zu verlieren.Die Story bleibt jederzeit nachvollziehbar.

Die Einblicke in die grönländische Kultur und Mythologie haben mir sehr gefallen. Sie sind keine bloße Kulisse, sondern eng mit der Handlung verknüpft und tragen dazu bei, dass der Roman eine ganz eigene Identität entwickelt. Gerade diese Mischung macht den besonderen Reiz des Buches aus. Die Mischung aus spannender Ermittlungsarbeit, grönländischer Mythologie und den historischen Hintergründen verleiht dem Roman eine Eigenständigkeit, die mir besonders gut gefallen hat.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Gmeiner-Verlag
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 13. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1. Auflage 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 496 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3839280303
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3839280300

Montag, 8. Juni 2026

Hedley Mill - Wohin der Weg dich führt (Die Weberei-Saga, Band 1) von Sophie Oliver

1954. Nach dem Tod ihres Sohns und Bruders hält die Familie Hedley nichts mehr in Deutschland, die Eltern gehen nach Kenia, und Laura zieht es nach ihrem Abschluss der Modeschule in die Heimat ihres Vaters nach Craster, einem kleinen Fischerdorf an der englischen Nordseeküste. Dort hat ihre Familie bis vor vielen Jahren eine Weberei betrieben, die Laura nun unbedingt wieder aufbauen möchte.

Laura fällt auf in dem kleinen konservativen Dorf. Nur ihre Tante Jane freut sich über ihre Ankunft, viele der Dorfbewohner begegnen ihr mit mehr oder weniger verhohlenem Misstrauen, als wäre die Weberei eine Konkurrenz für die Fischräucherei und den Heringsfang.

Und schon bald merkt Laura, dass sie nicht nur auf Ablehnung stößt, ihr werden Steine in den Weg gelegt und nicht alles, was schiefläuft, kann man als Zufall abtun.

Trotz dieser Widrigkeiten gibt Laura nicht auf. Sie ist eine moderne, selbstbewusste Frau, die mit ihrem farbenfrohen Stil in dem konservativen Dorf schnell auffällt. Sinnbild dafür ist ihr roter Mantel, den sie als Abschlussarbeit an der Modeschule entworfen hat. Laura zeigt den Dorfbewohnern, dass Frauen mehr können als die ihnen zugedachten Rollen. So beginnen einige Frauen aus dem Dorf, in ihrer Weberei zu arbeiten.

Und natürlich gibt es auch eine Liebesgeschichte, die ich allerdings als nicht so dominant empfand, dass es mich gestört hätte. Allerdings ist sie recht vorhersehbar: Schon bei der ersten Begegnung im örtlichen Pub war mir klar, dass sich etwas zwischen den beiden entwickeln wird und wer mit einer Beziehung nicht einverstanden sein würde.

Was das Buch besonders macht, ist der liebevoll recherchierte historische Hintergrund. Die Details zu Webstühlen, Schafen und der Wolleverarbeitung lassen spüren, dass die Autorin sich intensiv damit beschäftigt hat. Ohne dass ich auch nur die geringste Ahnung davon habe, habe ich der Autorin jedes Wort geglaubt, das sie darüber schrieb.

Sophie Olivers Schreibstil ist ruhig, entspannt und leicht lesbar, dabei nie flach. Es macht Spaß, das Buch zu lesen, und der Cliffhanger am Ende macht neugierig auf den zweiten Teil.




Herausgeber ‏ : ‎ Lübbe
Erscheinungstermin ‏ : ‎ 1. Juni 2026
Auflage ‏ : ‎ 1. Aufl. 2026
Sprache ‏ : ‎ Deutsch
Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 320 Seiten
ISBN-10 ‏ : ‎ 3404196694
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3404196692

Dies irae: Tag des Zorns von Adrian Schmelzenbart


 


In Malum I

Das Böse & Madeleine

Zitat: Sie wusste nichts davon, wie es spielt und umgarnt; wie es sich tarnt, um töten zu können.

Das Böse

In Malum II 

Das Böse & Melanie 

Zitat: Aber da war nichts Lebendiges - und doch war da was.


Neun Jahre nach dem ungeklärten Mord an ihrer Tochter Madeleine zieht Dolly in das alte Haus ihres geliebten Großvaters im abgelegenen Waldviertel. Sie braucht Ruhe und hofft die Trauer um ihr endlich ein wenig loslassen zu können. Doch die Vergangenheit lässt nicht locker. Ein fremder Mann, der mit seinem scharfen, beobachtenden Blick und seinem Kleidungsstil unweigerlich an Hercule Poirot erinnert, macht rätselhafte Andeutungen und werfen bei Dolly und bei mir als Leserin viele Fragen auf.
Im Baumhaus, das ihr verstorbener Großvater einst für sie gebaut hat, leuchtet nachts plötzlich ein Licht, und dort erscheint ein Mädchen, das ihrer kleinen Madeleine auf unheimliche Weise ähnelt.

Als Dolly in der kleinen Stadt nach dem Mädchen fragt, trifft sie auf eine Mauer des Schweigens und der Ablehnung, einzig ein Mitglied des Gemeinderats begegnet ihr von Beginn an freundlich. 
Schließlich findet sie das Grab des Mädchens und lernt dort Hermi, die Schwester von Melanie, kennen. Gemeinsam wollen sie den Mörder finden, denn schnell wird klar: Der Mord an Madeleine könnte mit Melanies Schicksal verbunden sein. Immer tiefer geraten sie in ein Geflecht aus Lügen und alten Geheimnissen, das weit über die Grenzen des kleinen Ortes hinausreicht, hin zu mehreren Mädchen, die aus einem Heim im nahen Tschechien verschwunden sein sollen. Welche Verbindung besteht zwischen ihnen? Und warum will niemand darüber sprechen?

Was mir an diesem Buch besonders gefallen hat, ist die Mischung aus Krimi und Mystery. Der Autor schafft eine düstere, dichte Atmosphäre. Zwischen den Zeilen spürte ich den Zorn, die Schuld, die schweren Geheimnisse, die tief im Dorf verborgen liegen. Das ist kein reiner Rätselspannungskrimi, sondern eine Geschichte über Trauma, Verlust und die Suche nach Wahrheiten, die lange verborgen bleiben sollten.

Der Schreibstil ist teilweise fast poetisch, diese sprachliche Schönheit verleiht der Handlung eine besondere Tiefe. Die Mysteryelemente fügen sich stimmig ein und machen das Buch zu einem echten Leseerlebnis.

Manchmal hatte ich leichte Schwierigkeiten mit dem Sprachgebrauch. Einige österreichische Ausdrücke waren mir nicht geläufig. Aber der poetische Einschlag und die starke Atmosphäre des Buches haben das für mich mehr als ausgeglichen.

Ich habe dieses Buch gerne gelesen. Besonders die Verbindung aus spannender Krimihandlung, geheimnisvoller Stimmung und emotionaler Tiefe hat mich gepackt. Für Leser, die düstere Geschichten mögen, ist „Dies irae: Tag des Zorns" ein wirklich lesenswertes Buch.


  • Herausgeber ‏ : ‎ Verlag Federfrei
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 20. Mai 2026
  • Auflage ‏ : ‎ 1.
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 214 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3990743732
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3990743737

Sonntag, 7. Juni 2026

Der Rückzug: Novelle von Marko Richter-Höfer (Autor)


Steffen ist ausgebrannt. Nicht nur ein bisschen erschöpft, sondern an einem Punkt, an dem nichts mehr geht. Der Job, das Leben, der ständige Druck, all das hat ihn so weit gebracht, dass er nur noch weg will. Also zieht er mit seiner Frau Marion und seiner Tochter Tessa ins dünn besiedelte Wendland, nach Clenze. Ein Neuanfang fernab vom Lärm der Welt. Für Steffen scheint genau das die Lösung zu sein: möglichst wenig Menschen, möglichst wenig Kontakt. Selbst die kurzen Begegnungen beim Bäcker sind ihm schon zu viel. Alles andere, findet er, lässt sich schließlich auch online regeln.

Was dabei zunehmend auf der Strecke bleibt, ist seine Familie. Seine Frau, die den ganzen Neustart im Grunde allein stemmen muss. Seine Tochter, die ohnehin schon Schwierigkeiten hatte und nun bei null anfangen soll. Steffen nimmt das durchaus wahr, aber mehr schafft er nicht. Burnout ist hier kein Schlagwort, sondern ein Zustand, der ihn komplett blockiert.

Dann kippt die Geschichte plötzlich ins Unbegreifliche.

Als Steffen eines Tages allein zu Hause ist, kann er das Grundstück nicht mehr verlassen. Eine unsichtbare Barriere hält ihn fest und lässt niemanden hinein. Was zunächst wie ein rätselhaftes Phänomen wirkt, wird schnell existenziell: kein Strom, nichts zu essen, keine Hilfe. Nur noch er und dieses Eingeschlossensein.

 Ich habe beim Lesen ständig überlegt, wie das alles zusammenhängt. Meine eigene Theorie : Was, wenn genau das passiert ist, was Steffen sich unbewusst gewünscht hat? Vollkommener Rückzug. Absolute Ruhe. Nur dass dieser Wunsch plötzlich eine Konsequenz bekommt, die er nicht mehr kontrollieren kann.

Gerade diese Verbindung fand ich besonders stark. Die Barriere wirkt nicht einfach wie ein äußeres Ereignis, sondern fast wie eine physische Manifestation seines inneren Zustands. Ein Rückzug, der sich verselbstständigt hat. Während draußen geforscht, spekuliert und medial ausgeschlachtet wird, sitzt Steffen fest und wird immer schwächer. Während seine Familie sich direkt mit den Konsequenzen der Barriere auseinander setzen muss. 

Etwas Küchenpsychologie darf sein, finde ich. Für mich steckt hier ziemlich klar die Aussage drin, dass man sich aus so einem Zustand nicht einfach herausziehen kann, indem man sich komplett abschottet. Der Wunsch nach Ruhe und Abstand ist verständlich, aber wenn daraus Isolation wird, kippt etwas. Und das betrifft eben nicht nur den, der sich zurückzieht, sondern auch die, die zurückbleiben.


Ich mochte die Geschichte gerade deshalb, weil sie nicht alles erklärt. „Der Rückzug“ von Marko Richter-Höfer ist eine eindringliche Novelle über Erschöpfung, Isolation und die gefährliche Sehnsucht, einfach verschwinden zu wollen.


  • ASIN ‏ : ‎ B0H18NFG3D
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Mai 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 98 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8258327833

Samstag, 6. Juni 2026

Daedalos 18 Story Reader für Phantasik (Herausgeber: Ellen Norton, Michael Siefener, Andreas Fieberg)


Die Daedalos-Reihe war mir bisher nur vom Hörensagen bekannt, entsprechend betrat ich mit diesem Band völliges Neuland. Schon die Aufmachung des Hardcovers konnte mich jedoch sofort begeistern. Das dunkle Pink des Einbands, geschmückt mit Schwarz-Weiß-Illustrationen auf Vorder- und Rückseite, macht das Buch zu einem echten Blickfang. Dazu kommen Lesebändchen und eine insgesamt hochwertige Verarbeitung. Besonders interessant fand ich den Verzicht auf einen Klappentext, denn dadurch konnte ich vollkommen unvoreingenommen in die Geschichten eintauchen.

Beim ersten Durchblättern fielen mir außerdem die Illustrationen ins Auge. Einige erinnerten mich an die Arbeiten meines Lieblingsillustrators Aubrey Beardsley. Besonders die Illustration zu „Dissonanz“ von Dennis Staats weckte diese Assoziation. Die Zeichnungen tragen viel zur besonderen Atmosphäre des Bandes bei und sind weit mehr als bloße Dekoration. Eine Liste der Künstler, soweit bekannt findet ihr am Ende der Rezension.

Doch kommen wir zu den Geschichten selbst. Daedalos 18 widerlegt klar das Vorurteil, Kurzgeschichten seien zwangsläufig leichte Kost, die man schnell liest und ebenso schnell wieder vergisst. Alle Texte verlangen viel Aufmerksamkeit; manche erschlossen sich mir nicht sofort, aber sie alle belohnten mich mit ungewöhnlichen Ideen und eindringlichen Bildern.


Peter Schünemanns „Feuerprobe“ wirkt wie eine Ergänzung oder Weiterführung einer größeren Geschichte rund um den Brand von Schloss Weyterstedt, die mir allerdings nicht bekannt ist. Dennoch lässt sich die Erzählung problemlos ohne Vorwissen lesen. Ein Bibliothekar erhält Besuch von Bianca von Weyterstedt-Hohental, die behauptet, sich in einer Welt zu befinden, die nicht die ihre ist. Fasziniert von ihr und ihrem Geheimnis gibt er sein bisheriges Leben auf und zieht nach Weyterstedt. Besonders gelungen fand ich, dass die Geschichte genügend Hinweise liefert, um auch Lesern ohne Vorkenntnisse einen Zugang zur Handlung zu ermöglichen und gleichzeitig Neugier auf die Hintergründe zu wecken.

Deutlich düsterer geht es in Uwe Dursts „Die Wespe“ zu. Rasmus wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, nachdem sein Vater die Familie verlassen hat. Als er eines Tages früher von der Schule nach Hause kommt, hört er verstörende Geräusche aus dem Schlafzimmer und beobachtet etwas, das seine kindliche Fantasie als monströse Schlupfwespe deutet und sein Vater hat ihm das Fortpflanzungsverhalten der Wespen einst erklärt. Obwohl sich die Richtung der Geschichte bereits früh erahnen lässt, verliert sie nichts von ihrer Wirkung. Im Gegenteil: Gerade die Perspektive des Kindes und die Vermischung von Realität und Fantasie erzeugen einen Horror, der mir sehr gut gefiel.

Auch folgende Geschichten sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

„Lieber Gott Böse“ von Michael J. Awe stellt die Frage, ob der Tod wirklich endgültig sein muss. Marks Eltern wollen und können den Verlust ihres Kindes nicht akzeptieren und greifen in ihrer Verzweiflung zu einer drastischen Maßnahme. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines Freundes von Mark, der dabei erkennt, dass Leben und Tod untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Geschichte ist von einer solchen Traurigkeit, dass sie mich tief berührt hat, insbesondere aus der Perspektive von Eltern.

„Ich kann warten“ von Regina Holzkämper greift ein ähnliches Thema auf und hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Eindrücklich zeigt sie, dass sich mit dem Tod nur begrenzt verhandeln lässt und dass jeder Wunsch, sollte er in Erfüllung gehen, seine Konsequenzen nach sich zieht.

Auf jede einzelne Geschichte einzugehen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Gerade das macht jedoch auch die Stärke des Bandes aus. Die Beiträge unterscheiden sich deutlich voneinander, sowohl stilistisch als auch thematisch. Horror steht neben Phantastik, surreale Ideen treffen auf klassische Motive, und nicht jede Geschichte ist sofort zugänglich. Dadurch entsteht eine abwechslungsreiche Sammlung, die immer wieder überrascht.

Auch wenn mich nicht jede Geschichte gleichermaßen begeistern konnte, blieb bei mir insgesamt ein sehr positiver Eindruck zurück. Gerade die Mischung der Texte hat für mich gut funktioniert und spricht sowohl Kenner der Phantastik als auch Leser an, die einfach neugierig auf ungewöhnliche Geschichten sind

Mein Fazit: Daedalos 18 ist kein Buch für zwischendurch, das man gedankenlos konsumiert. Wer jedoch Freude an anspruchsvollen Kurzgeschichten, ungewöhnlichen Ideen und atmosphärischer Phantastik hat, findet hier eine Sammlung, die zum Nachdenken anregt und noch lange im Gedächtnis bleibt. Für mich war es die erste Begegnung mit der Reihe und vermutlich nicht die letzte.

Geschichten von:

Peter Schünemann – Feuerprobe
Uwe Durst – Die Wespe
Dennis Staats – Dissonanz
Philipp Nowotny – In der Schildkrötenwelt
Andreas Fiebig – Hand in Hand
Ellen Norten – Meine Freundin ist verrückt
Gabriele Behrend – Die Erweckung durch P.R.A.Y.
Joachim Pack – Omnibus
Andrea Tillmanns – Variationen der Zeit
Michael J. Awe – Lieber Gott Böse
Regina Holzkämper – Ich kann warten
Uwe Appelbe – Die Nacht ist still, da hört man weit
Leonhard Stein – Der Gorilla

Erwerben könnt ihr das Buch direkt beim Verlag: 

Titelbild: Louis Le Bretona

Die Künstler:

daedalos #18 – ILLUSTRATIONEN


S. 11: k.A.

S. 15: Lorenz Frølich

S. 21: Alexander Gribojedow

S. 24: Max Klinger (1857–1920)

S. 31: Aubrey Beardsley

S. 35: Ernst Stöhr (1860–1917)

S. 39: Charles Robinson (1870–1937)

S. 43: Josef Fleischmann

S. 48: Albrecht Dürer (1494)

S. 55: Albrecht Dürer

S. 59/62: Honoré Daumier

S. 69: Henri Gerbault

S. 75: Otto Marcus (1863–1952)

S. 81: k.A.

S. 82: "The History of Witches and Wizards", hrsg. T. Norris, 1720

S. 84: "hourglass", engraving 1887

S. 89: k.A.

S. 101/107/108: Carlo Chiostri (1863–1939)

S. 110: Leon Gaucherel (1816–1886)

S. 115: Hieronymus Hess (1841)

S. 122: J. J. Grandville

S. 128: Franklin Booth

S. 135: Gert? Meyn.

S. 138: Daniel Vierge