Heute darf ich euch die Autorin und Künstlerin Florentine Joop vorstellen die mit viel Herz, Kreativität und einer unverwechselbaren Handschrift begeistert. Im Interview sprechen wir über ihre Inspirationen, ihren Weg in die Kunst und das Schreiben sowie darüber, was sie aktuell bewegt. Freut euch auf ein spannendes, ehrliches Gespräch voller Einblicke in Florentines kreative Welt!
Liebe Florentine, herzlich willkommen im Bücherhaus, es ist mir eine große Freude, dass du dir die Zeit nimmst, meine Fragen zu beantworten. Bevor wir beginnen, magst du dich meinen Leserinnen und Leser, die dich vielleicht noch nicht kennen, kurz vorstellen?
Aber gern. Ich bin Gen-X Hamburgerin, Autorin und studierte Illustratorin, bin Malerin und Kuratorin, Mutter von insgesamt vier Kindern, aufgewachsen an den Ufern der Alster und Elbe und mäanderte seit Geburt zwischen Potsdam und Hamburg, geschuldet der Tatsache, dass sich die Mauer frech und ungebeten durch unsere Familie zog. Und geschuldet der Tatsache welchen Familiennamen ich trage, beschäftige ich mich in meiner Arbeit häufig mit den Themen der Überwindung der Schönheit, feministischen Ansichten, Neuordnung von Denkmustern, dem Spiel mit Erwartungen und der magischen Kindheit.
Dein neues Buch "Sommer im Heckenrosental" thematisiert zwei Heimaten und das geteilte Berlin, es ist im Verlag Edition Outbird erschienen.
1. Wie kamst du auf die Idee zu Sommer im Heckenrosental? Gab es einen bestimmten Auslöser?
Es gab mannigfaltige Auslöser, denn auf meinen Lesereisen, die mich häufig in ehemaligen „Osten“ der Republik führten, begegnete ich immer wieder Menschen, die mir ihre Geschichte erzählen, wenn sie hörten, dass ich meine Kindheit zwischen Kontrollpunkt Drewitz und Grenzübergang Gudow verbracht habe. Die Transitstrecke als Grundrauschen, wenn ich die Augen schloss und einschlief, auf dem Weg nach Potsdam oder Berlin. Menschen wollten sich mitteilen und reden. Tatsächlich glaube ich, dass wir noch zu verarbeiten haben, was da mit uns und unserem Land passierte. DDR, Wendezeit, Wiedervereinigung sind Prozesse gewesen, bei denen auch manches schief gegangen ist, bei aller Freude und Dankbarkeit, auch das muss und darf gesagt und bearbeitet werde, dass vor allem wieder Frauen Rechte abgegeben haben, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung erfahren hatten. Sie die ersten waren, die ihre Jobs verloren haben, Kitas die schlossen, wer blieb natürlich bei den Kindern? Und dieser immense Rechtsruck, der mir Angst acht, ich möchte etwas erzählen über die Auswirkungen totalitärer Politik, weil ich manchmal den Verdacht habe, dass eine seltsame Amnesie unserer Vergangenheit gegenüber sich breit macht.
Und meine Einsicht, dass ich etwas Besonderes erlebt habe, weil ich beide Systeme hautnah erfahren habe und ein Kindheit und Jugend erlebte, die mich nachhaltig geprägt hat.
2. Grenzen, Mauern und Sommerabenteuer prägen das Buch: Welche zentrale Botschaft über Freiheit und Freundschaft möchtest du damit vermitteln?
Wie unfassbar glücklich wir jeden Tag sein können, diese endlose Mauer niedergerissen zu haben. Dankbar, diese wahnsinnige Wiedervereinigung geschafft zu haben. In Freiheit und Demokratie zu leben, von der die die die DDR noch live erlebt haben immer geträumt haben. Es ist ein langer Weg, die Heilung, der Weg in die Selbstbestimmung. Freiheit bedeutet auch unfassbare Verantwortung für sich selbst und gleichsam die Gesellschaft. Jede einzelne trägt an unserem sozialen System einen Teil, damit es funktionieren kann. Wie beschreibt man diese Freiheit, frage ich auch an einer Stelle, als ich es, kindlich naiv, versuchte. Es fehlen manchmal die Worte, aber ich weiß, dass es nicht an der Liebe fehlt.
Freundschaft lebt nicht von Gleichheit, sondern von den Unterschieden, die wir voneinander erlernen dürfen. Wie eine Reise in ein anderes Land, alles irgendwie fremd, und doch funktioniert es. Das zu begreifen, dass es nicht nur MEINE Wahrheit, MEINE Meinung, MEINE Lebensauffassung gibt, sondern 7 Milliarden. Die Liebe ist dafür erfunden worden, glaube ich, dass wir angstfrei den Unterschieden begegnen und Neues erlernen wollen… mir gruselt es, wenn alle im Gleichschritt laufen. Daraus entsteht nie etwas Gutes.
3. Welche persönlichen Erinnerungen hast du in diesen autofiktionalen Plot verwoben?
Eigentlich sind da nur persönliche Erinnerungen, lediglich manche Menschen sind verklausuliert, damit ich niemandem zu nahetrete.
Ich bin ja auch Teil ihrer Lebensgeschichte, sie nicht nur Teil meiner. Und aus gefühlten 2000 Grenzübertritten machte ich einen exemplarischen. Und aus gefühlten 20000 Grenzern machte ich ein paar. Und aus 2 Millionen Momenten, die nach Sand und Sommer dufteten, machte ich ein paar wenige Kapitel. Ich bezweifle, dass auch nur EIN Tag im Sommer einer Kindheit so klein zu schrumpfen ist, dass er in ein Buch passt. Da muss Autorin immer eindampfen.
4. Magst du uns etwas über den Schreibprozess erzählen, hast du feste Zeiten, in denen du schreibst oder bestimmte Rituale?
Wie wundervoll wäre das, herrlich!!! Und dazu einen Dü-Jar-Deng!
Nein, ich habe insgesamt vier Kinder und bin selbständige Kreativschaffende. Ich muss arbeiten im Akkord, wenn es die Zeit zulässt. Meistens tobt um mich herum das totale Chaos und ich sitze entweder am Küchentisch und regle nebenher den Alltag oder ich verzieh mich ins Schlafzimmer und schreibe abends und nachts. Klassiker eben, nur ohne Rotwein und Zigarette.
5. Hat sich dein Schreibstil seit deinen ersten Büchern "Käpt’n Lotta und der vieräugige Hermann: Eine wahre Piratengeschichte" oder "Harte Jungs" geändert, ganz davon abgesehen, dass es sich bei den Büchern um Kinder- bzw. Jugendromane handelt?
Na, ich hoffe doch.
Seit diesen Büchern ist viel Wasser die Elbe runtergeflossen. Und ich habe seitdem so viele andere Dinge geschrieben, dass ich glaube, dass ich mittlerweile einen sehr eigenen Stil gefunden habe, der, wie Du ja auch so schön in deiner Buchbesprechung schriebst, eine gewisse Leichtigkeit hat, gepaart mit viel Humor und Witz, aber gewachsen auf einem Fundament aus echten er- und durchlebten Gefühlen. Ich liebe Gegensätze, Kontraste und Überraschendes. Es kann nur wirklich schön sein, wenn man weiß, wie grausam und unerbittlich das Leben sein kann. Aber, wenn ich nur einem jungen Menschen helfen kann, der meine Geschichte liest und sich denkt, -ey, genauso verloren und einsam und verzweifelt fühlt sich meine Welt grade an, verlassen und ungesehen, und der dann einen der ersten Sätze noch einmal liest, nämlich, dass ich hier jetzt sitze und all das überlebt habe, und ich meine nicht nur die echt saudummen Stunts mit Katja und einem Pony, dann habe ich doch etwas bewirken können. Kindheit ist eine dramatische Zeit, für die meisten von uns, die Märchen warnen uns davor, Astrid Lindgren hat sich immer auch diesen Aspekten gewidmet. Aber wie schreibt man über Tod, Verlust und Verrat? Man gibt eine Aussicht. Und wenn es die Aussicht auf den Berliner Dom im nasskalten Dunkelwinter in Berlin Ost der 1980 er Jahre ist.
6. Was hat dich zur Edition Outbird gebracht?
Der Holger Much fand mich am Wegesrand rumlungernd und bettelnd, gab mir ein Paar schöne Stiefel und hat mich mit in seine Postkutsche nach Gera genommen… so in etwa.
Andere behaupten wir, Holger und ich, hätten Emails geschrieben und daraus ein Buch zusammen ersonnen, das dann bei der Edition Outbird erschien, aber ich weiß nicht, ob man diesen Quellen glauben darf…
7. Du hast gemeinsam mit Holger Much zwei Briefromane veröffentlicht. Glaubst du, dass in unserer digitalen Gegenwart noch Raum für echte, langfristige Brieffreundschaften auf Papier bleibt?
Ich weiß ehrlich nicht, wo jetzt der Unterschied sein soll?
Ist doch egal, ob auf Papier, in Bits und Dots oder auf Papyrus. Ich mag gar nicht dieses gegeneinander aufrechnen. Holger und ich schrieben uns Emails, weil das nun mal der Weg heute ist. Genauso ist der Weg der Kommunikation eben via WhatsApp oder Messenger oder Snap oder schnipp und schnapp, Hauptsache die Menschen kommunizieren. Hauptsache man hört sich zu und versucht den anderen zu verstehen und kann sich in die Lage eines anderen Wesens hineinversetzen. Briefformen dürfen sich verändern, alle Formen dürfen sich verändern, und jeder darf und soll sich das Medium suchen, indem er oder sie oder they them sich ausdrücken möchten. Holger und ich sind eher praktisch veranlagt (manche nennen es auch faul…), weil wir ja wussten, dass wir ein Manuskript erstellen, da machte es gar keinen Sinn, sich mit Feder und Tintenfass zu bewaffnen und seitenlange Papierrollen zu bekritzeln. Alles zu seiner Zeit und dem hochheiligen Zwecke dienlich. Am Ende sollte ja auch noch eine Lektorin durch unser Geschreibsel durchfinden, die arme… man stelle sich vor: 200 bekleckste Seiten, bei mir mit Apfelmusresten und noch kleinen Kritzeleien meiner Tochter… obwohl, wenn ich jetzt so darüber nachdenke… Hundpfotenabdrücke und Kaffeetassenkaffeekreise…
8. Gibt es ein Buch, oder einen anderen Auslöser, das den Wunsch in dir geweckt hat, selbst Autorin und Illustratorin zu werden?
Sicher sind die Bücher von Astrid Lindgren, illustriert von Künstlerin Ilon Wikland
und die Fantasy Filme der 1980er ganz erhebliche Auslöser für eine gewisse Art der Kreativität gewesen. Die Illustratoren Brian Fraud und Allan Lee, verantwortlich für viele Character Designs meiner Kindheit und Jugend, aber auch die tollen Bücher von Angela Sommer-Bodenburg und die wunderbaren Illustrationen von Amelie Glienke. Und natürlich, die Einstiegsdroge, die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm, die besonders gruseligen und grausamen Versionen! Der Märchenplattensprecher, Hans Paetsch hat sich tief in meine Gehirnrinde eingesprochen, inklusive Knacken und Knarzen auf meinen Platten, während ich die BESONDERS grausamen Bilder dazu fertigte. Ich habe allerdings nur unabsichtlich Illustration studiert. Da rutschte ich so rein, auf dem Weg eigentlich Fotografie machen zu wollen und dann musste man sich nochmal extra für einen Kurs bewerben bei dem Kinderbuchillustrator Rüdiger Stoye, und das habe ich blauäugig gemacht, ohne wirklich zu wissen, wohin mich diese Reise führte. Aber da bin ich nun und schreibe und bin ganz zufrieden. Also immer erstmal was machen und unvoreingenommen bleiben, wer weiß, wer einen da so am Wegesrand aufliest und mit in die Kutsche einlädt und wohin einen das bringen kann! In meinem Fall ins Schloss Lindstedt, in die Arme der Rechtsmedizin, wo ich montags meine Kaffee trinke, mein neues Buch nun morgen das dritte Mal präsentieren darf, dort für das Nächste recherchiere und mich von diesem einmaligen Ort in Potsdam inspirieren lasse. Wer hätte das gedacht? Ich nicht!
Herzlichen Dank, Florentine, für das aufschlussreiche Interview und die Einblicke in deine literarische Welt. Es war mir eine Freude, dich im Bücherhaus zu Gast zu haben und ich bin gespannt, welche Geschichten von dir uns als nächstes erwarten.
Wer neugierig auf Florentines aktuellen Roman geworden ist, findet meine ausführliche Rezension dazu hier auf dem Blog.
Aber gern. Ich bin Gen-X Hamburgerin, Autorin und studierte Illustratorin, bin Malerin und Kuratorin, Mutter von insgesamt vier Kindern, aufgewachsen an den Ufern der Alster und Elbe und mäanderte seit Geburt zwischen Potsdam und Hamburg, geschuldet der Tatsache, dass sich die Mauer frech und ungebeten durch unsere Familie zog. Und geschuldet der Tatsache welchen Familiennamen ich trage, beschäftige ich mich in meiner Arbeit häufig mit den Themen der Überwindung der Schönheit, feministischen Ansichten, Neuordnung von Denkmustern, dem Spiel mit Erwartungen und der magischen Kindheit.
Dein neues Buch "Sommer im Heckenrosental" thematisiert zwei Heimaten und das geteilte Berlin, es ist im Verlag Edition Outbird erschienen.
1. Wie kamst du auf die Idee zu Sommer im Heckenrosental? Gab es einen bestimmten Auslöser?
Es gab mannigfaltige Auslöser, denn auf meinen Lesereisen, die mich häufig in ehemaligen „Osten“ der Republik führten, begegnete ich immer wieder Menschen, die mir ihre Geschichte erzählen, wenn sie hörten, dass ich meine Kindheit zwischen Kontrollpunkt Drewitz und Grenzübergang Gudow verbracht habe. Die Transitstrecke als Grundrauschen, wenn ich die Augen schloss und einschlief, auf dem Weg nach Potsdam oder Berlin. Menschen wollten sich mitteilen und reden. Tatsächlich glaube ich, dass wir noch zu verarbeiten haben, was da mit uns und unserem Land passierte. DDR, Wendezeit, Wiedervereinigung sind Prozesse gewesen, bei denen auch manches schief gegangen ist, bei aller Freude und Dankbarkeit, auch das muss und darf gesagt und bearbeitet werde, dass vor allem wieder Frauen Rechte abgegeben haben, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung erfahren hatten. Sie die ersten waren, die ihre Jobs verloren haben, Kitas die schlossen, wer blieb natürlich bei den Kindern? Und dieser immense Rechtsruck, der mir Angst acht, ich möchte etwas erzählen über die Auswirkungen totalitärer Politik, weil ich manchmal den Verdacht habe, dass eine seltsame Amnesie unserer Vergangenheit gegenüber sich breit macht.
Und meine Einsicht, dass ich etwas Besonderes erlebt habe, weil ich beide Systeme hautnah erfahren habe und ein Kindheit und Jugend erlebte, die mich nachhaltig geprägt hat.
2. Grenzen, Mauern und Sommerabenteuer prägen das Buch: Welche zentrale Botschaft über Freiheit und Freundschaft möchtest du damit vermitteln?
Wie unfassbar glücklich wir jeden Tag sein können, diese endlose Mauer niedergerissen zu haben. Dankbar, diese wahnsinnige Wiedervereinigung geschafft zu haben. In Freiheit und Demokratie zu leben, von der die die die DDR noch live erlebt haben immer geträumt haben. Es ist ein langer Weg, die Heilung, der Weg in die Selbstbestimmung. Freiheit bedeutet auch unfassbare Verantwortung für sich selbst und gleichsam die Gesellschaft. Jede einzelne trägt an unserem sozialen System einen Teil, damit es funktionieren kann. Wie beschreibt man diese Freiheit, frage ich auch an einer Stelle, als ich es, kindlich naiv, versuchte. Es fehlen manchmal die Worte, aber ich weiß, dass es nicht an der Liebe fehlt.
Freundschaft lebt nicht von Gleichheit, sondern von den Unterschieden, die wir voneinander erlernen dürfen. Wie eine Reise in ein anderes Land, alles irgendwie fremd, und doch funktioniert es. Das zu begreifen, dass es nicht nur MEINE Wahrheit, MEINE Meinung, MEINE Lebensauffassung gibt, sondern 7 Milliarden. Die Liebe ist dafür erfunden worden, glaube ich, dass wir angstfrei den Unterschieden begegnen und Neues erlernen wollen… mir gruselt es, wenn alle im Gleichschritt laufen. Daraus entsteht nie etwas Gutes.
3. Welche persönlichen Erinnerungen hast du in diesen autofiktionalen Plot verwoben?
Eigentlich sind da nur persönliche Erinnerungen, lediglich manche Menschen sind verklausuliert, damit ich niemandem zu nahetrete.
Ich bin ja auch Teil ihrer Lebensgeschichte, sie nicht nur Teil meiner. Und aus gefühlten 2000 Grenzübertritten machte ich einen exemplarischen. Und aus gefühlten 20000 Grenzern machte ich ein paar. Und aus 2 Millionen Momenten, die nach Sand und Sommer dufteten, machte ich ein paar wenige Kapitel. Ich bezweifle, dass auch nur EIN Tag im Sommer einer Kindheit so klein zu schrumpfen ist, dass er in ein Buch passt. Da muss Autorin immer eindampfen.
4. Magst du uns etwas über den Schreibprozess erzählen, hast du feste Zeiten, in denen du schreibst oder bestimmte Rituale?
Wie wundervoll wäre das, herrlich!!! Und dazu einen Dü-Jar-Deng!
Nein, ich habe insgesamt vier Kinder und bin selbständige Kreativschaffende. Ich muss arbeiten im Akkord, wenn es die Zeit zulässt. Meistens tobt um mich herum das totale Chaos und ich sitze entweder am Küchentisch und regle nebenher den Alltag oder ich verzieh mich ins Schlafzimmer und schreibe abends und nachts. Klassiker eben, nur ohne Rotwein und Zigarette.
5. Hat sich dein Schreibstil seit deinen ersten Büchern "Käpt’n Lotta und der vieräugige Hermann: Eine wahre Piratengeschichte" oder "Harte Jungs" geändert, ganz davon abgesehen, dass es sich bei den Büchern um Kinder- bzw. Jugendromane handelt?
Na, ich hoffe doch.
Seit diesen Büchern ist viel Wasser die Elbe runtergeflossen. Und ich habe seitdem so viele andere Dinge geschrieben, dass ich glaube, dass ich mittlerweile einen sehr eigenen Stil gefunden habe, der, wie Du ja auch so schön in deiner Buchbesprechung schriebst, eine gewisse Leichtigkeit hat, gepaart mit viel Humor und Witz, aber gewachsen auf einem Fundament aus echten er- und durchlebten Gefühlen. Ich liebe Gegensätze, Kontraste und Überraschendes. Es kann nur wirklich schön sein, wenn man weiß, wie grausam und unerbittlich das Leben sein kann. Aber, wenn ich nur einem jungen Menschen helfen kann, der meine Geschichte liest und sich denkt, -ey, genauso verloren und einsam und verzweifelt fühlt sich meine Welt grade an, verlassen und ungesehen, und der dann einen der ersten Sätze noch einmal liest, nämlich, dass ich hier jetzt sitze und all das überlebt habe, und ich meine nicht nur die echt saudummen Stunts mit Katja und einem Pony, dann habe ich doch etwas bewirken können. Kindheit ist eine dramatische Zeit, für die meisten von uns, die Märchen warnen uns davor, Astrid Lindgren hat sich immer auch diesen Aspekten gewidmet. Aber wie schreibt man über Tod, Verlust und Verrat? Man gibt eine Aussicht. Und wenn es die Aussicht auf den Berliner Dom im nasskalten Dunkelwinter in Berlin Ost der 1980 er Jahre ist.
6. Was hat dich zur Edition Outbird gebracht?
Der Holger Much fand mich am Wegesrand rumlungernd und bettelnd, gab mir ein Paar schöne Stiefel und hat mich mit in seine Postkutsche nach Gera genommen… so in etwa.
Andere behaupten wir, Holger und ich, hätten Emails geschrieben und daraus ein Buch zusammen ersonnen, das dann bei der Edition Outbird erschien, aber ich weiß nicht, ob man diesen Quellen glauben darf…
7. Du hast gemeinsam mit Holger Much zwei Briefromane veröffentlicht. Glaubst du, dass in unserer digitalen Gegenwart noch Raum für echte, langfristige Brieffreundschaften auf Papier bleibt?
Ich weiß ehrlich nicht, wo jetzt der Unterschied sein soll?
Ist doch egal, ob auf Papier, in Bits und Dots oder auf Papyrus. Ich mag gar nicht dieses gegeneinander aufrechnen. Holger und ich schrieben uns Emails, weil das nun mal der Weg heute ist. Genauso ist der Weg der Kommunikation eben via WhatsApp oder Messenger oder Snap oder schnipp und schnapp, Hauptsache die Menschen kommunizieren. Hauptsache man hört sich zu und versucht den anderen zu verstehen und kann sich in die Lage eines anderen Wesens hineinversetzen. Briefformen dürfen sich verändern, alle Formen dürfen sich verändern, und jeder darf und soll sich das Medium suchen, indem er oder sie oder they them sich ausdrücken möchten. Holger und ich sind eher praktisch veranlagt (manche nennen es auch faul…), weil wir ja wussten, dass wir ein Manuskript erstellen, da machte es gar keinen Sinn, sich mit Feder und Tintenfass zu bewaffnen und seitenlange Papierrollen zu bekritzeln. Alles zu seiner Zeit und dem hochheiligen Zwecke dienlich. Am Ende sollte ja auch noch eine Lektorin durch unser Geschreibsel durchfinden, die arme… man stelle sich vor: 200 bekleckste Seiten, bei mir mit Apfelmusresten und noch kleinen Kritzeleien meiner Tochter… obwohl, wenn ich jetzt so darüber nachdenke… Hundpfotenabdrücke und Kaffeetassenkaffeekreise…
8. Gibt es ein Buch, oder einen anderen Auslöser, das den Wunsch in dir geweckt hat, selbst Autorin und Illustratorin zu werden?
Sicher sind die Bücher von Astrid Lindgren, illustriert von Künstlerin Ilon Wikland
und die Fantasy Filme der 1980er ganz erhebliche Auslöser für eine gewisse Art der Kreativität gewesen. Die Illustratoren Brian Fraud und Allan Lee, verantwortlich für viele Character Designs meiner Kindheit und Jugend, aber auch die tollen Bücher von Angela Sommer-Bodenburg und die wunderbaren Illustrationen von Amelie Glienke. Und natürlich, die Einstiegsdroge, die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm, die besonders gruseligen und grausamen Versionen! Der Märchenplattensprecher, Hans Paetsch hat sich tief in meine Gehirnrinde eingesprochen, inklusive Knacken und Knarzen auf meinen Platten, während ich die BESONDERS grausamen Bilder dazu fertigte. Ich habe allerdings nur unabsichtlich Illustration studiert. Da rutschte ich so rein, auf dem Weg eigentlich Fotografie machen zu wollen und dann musste man sich nochmal extra für einen Kurs bewerben bei dem Kinderbuchillustrator Rüdiger Stoye, und das habe ich blauäugig gemacht, ohne wirklich zu wissen, wohin mich diese Reise führte. Aber da bin ich nun und schreibe und bin ganz zufrieden. Also immer erstmal was machen und unvoreingenommen bleiben, wer weiß, wer einen da so am Wegesrand aufliest und mit in die Kutsche einlädt und wohin einen das bringen kann! In meinem Fall ins Schloss Lindstedt, in die Arme der Rechtsmedizin, wo ich montags meine Kaffee trinke, mein neues Buch nun morgen das dritte Mal präsentieren darf, dort für das Nächste recherchiere und mich von diesem einmaligen Ort in Potsdam inspirieren lasse. Wer hätte das gedacht? Ich nicht!
Herzlichen Dank, Florentine, für das aufschlussreiche Interview und die Einblicke in deine literarische Welt. Es war mir eine Freude, dich im Bücherhaus zu Gast zu haben und ich bin gespannt, welche Geschichten von dir uns als nächstes erwarten.
Wer neugierig auf Florentines aktuellen Roman geworden ist, findet meine ausführliche Rezension dazu hier auf dem Blog.

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