Während der Lektüre des Romans „Die an den Tod nicht glauben. Ein Fall für die Totenleserin“ von Cleo Sternberg hat mich neben der Krimihandlung vor allem eines beschäftigt: der Wunsch der Hauptfigur, Gerichtsmedizinerin zu werden.
Außerdem wollte ich wissen, wie es den Frauen ergangen ist, die sich um 1900 und in den Jahren danach tatsächlich für Pathologie und Rechtsmedizin entschieden haben.
Wie war es für sie, in einem medizinischen Bereich Fuß zu fassen, der fast vollständig von Männern geprägt war? Welche Schwierigkeiten hatten sie? Wie wurden sie von Kollegen behandelt? Und wie sah ihr Arbeitsalltag aus?
Auf den Spuren der ersten Frauen in der Rechtsmedizin
Vieles darüber wusste ich zuvor nicht. Bei meiner Recherche bin ich auf mehrere Frauen gestoßen, deren Lebensgeschichten mich überrascht haben. Einige Namen waren mir völlig unbekannt, doch je mehr ich über sie gelesen habe, desto mehr habe ich mich gefragt, wie viel Hartnäckigkeit nötig gewesen sein muss, um in diesem Beruf zu bleiben.
Während ich mich immer intensiver mit diesen Frauen beschäftigte, entwickelte sich der Gedanke, aus diesen unterschiedlichen Lebenswegen eine eigene Figur entstehen zu lassen.
So kam Helene Reinert zu mir.
Helene hat es nie gegeben. Sie ist erfunden. Ihre Geschichte ist aber nicht einfach ausgedacht. Für ihre Figur habe ich verschiedene historische Lebenswege, Erfahrungen und Schwierigkeiten miteinander verbunden.
Meine Helene wird am 1. Januar 1901 geboren. Ihr Vater, Arzt in einem Leipziger Krankenhaus, sieht in ihrer Geburt ein Zeichen. Denn seine Tochter kommt genau in dem Moment zur Welt, in dem das neue Jahrhundert beginnt. Er glaubt, dass sie eine andere Welt erleben wird.
Helene wächst mit der Vorstellung auf, dass Wissenschaft Grenzen überwinden kann. Als sie 1920 beschließt, Rechtsmedizinerin zu werden, stellt sie allerdings fest, dass gesellschaftliche Grenzen sehr viel langsamer verschwinden als wissenschaftliche Irrtümer.
Und nun soll Helene selbst zu Wort kommen.
Mein Leben als Pionierin: Der Sektionssaal war eine Männerwelt
Mein Name ist Helene Reinert. Ich bin 85 Jahre alt. Wenn ich heute über mein Leben nachdenke, kommt mir meine Kindheit manchmal sehr weit entfernt vor. Nicht alles war damals anders als heute. Aber manches, was für uns inzwischen kaum noch vorstellbar ist, war für mich als Kind ganz normal.
Geboren wurde ich am 1. Januar 1901. Mein Vater hat später oft von dieser Nacht erzählt. Die Menschen hätten auf den Straßen gestanden und auf den Beginn des neuen Jahrhunderts gewartet. Sie stießen miteinander an, riefen sich etwas zu und sprachen davon, dass nun alles anders werden würde.
Auch für meinen Vater war ich etwas Besonderes. Immer wieder betonte er: „Du wirst eine neue Welt erleben.“
Als Kind hörte ich diesen Satz gern. Er klang wichtig. Was er wirklich bedeutete, verstand ich damals natürlich noch nicht.
Als ich zwanzig Jahre alt war, hatte sich tatsächlich einiges verändert. Das Deutsche Kaiserreich gab es nicht mehr. Frauen durften wählen. An den Universitäten standen ihnen mehr Möglichkeiten offen als früher.
Aber nicht alle. Die Rechtsmedizin blieb ein schwieriges Gebiet.
Warum ausgerechnet die Toten?
Medizin hat mich schon früh interessiert. Schließlich durfte ich meinen Vater bereits als Kind in das Krankenhaus begleiten und wollte immer wissen, was sich hinter den verschlossenen Türen befand.
Irgendwann beschäftigte mich vor allem eine Frage: Was kann ein Körper nach dem Tod noch erzählen?
Ein gebrochener Knochen. Eine Verletzung. Eine Vergiftung. Manchmal sind es nur kleine Dinge, die am Ende wichtig werden. Eine Spur, die leicht zu übersehen ist, kann mehr aussagen als ein langer Bericht. Ich wollte lernen, diese Spuren zu verstehen.
Meine Mutter konnte als Ehefrau eines Arztes zwar verstehen, dass ich den Beruf ergreifen wollte. Doch meine Wahl für die Rechtsmedizin war für sie nicht nachvollziehbar.
„Warum ausgerechnet die Toten?“, fragte sie mich.
„Weil sie nicht mehr für sich selbst sprechen können“, erwiderte ich. Mehr gab es dazu für mich nicht zu sagen.
Als Frau im Sektionssaal: Zwischen Kuriosität und Ausgrenzung
Ich ahnte natürlich, dass es schwer werden würde. Frauen waren im Sektionssaal nicht völlig unbekannt, doch sie waren selten. Und wenn man selten ist, fällt man auf. Auch dann, wenn man eigentlich nur in Ruhe arbeiten möchte.
Schnell habe ich gemerkt, dass ich nicht nur Medizin studierte. Ich musste zudem lernen, mich nicht ständig verunsichern zu lassen. Manche Professoren behandelten mich, als wäre ich eine Störung. Andere fanden mich interessant, solange ich nicht zu viel Platz einnahm. Einige sahen in mir eine Kuriosität.
Dass es vor mir schon andere Frauen gegeben hatte, wusste ich damals nur bruchstückhaft. Erst viel später lernte ich die Lebensgeschichten jener Frauen kennen, die vor oder nach mir ihren Platz in der Medizin gesucht hatten.
Heute kenne ich die Namen der mutigen Frauen
- Rahel Rodler: Sie wurde als erste Frau Mitglied der Deutschen Pathologischen Gesellschaft.
- Frances Gertrude McGill: Sie arbeitete in Kanada als Gerichtsmedizinerin und Kriminologin und baute ein forensisches Labor auf.
- Elisabeth Nau: Sie leitete später eine forensisch-psychiatrische Abteilung in Berlin.
- Lotte Strauss: In den Vereinigten Staaten wurde sie zu einer Pionierin der Kinderpathologie.
- Elisabeth Trube-Becker: Als Professorin für Rechtsmedizin setzte sie sich besonders für die Untersuchung von Kindesmisshandlung ein.
So unterschiedlich ihre Lebenswege auch verlaufen waren, hatten sich alle ihren Platz in der Medizin erkämpft.
In meinem Fachgebiet waren lange Vorstellungen verbreitet, dass Frauen für den Umgang mit nackten und toten Körpern nicht geeignet seien, Obduktionen zu grob, Verletzungen zu grausam und Sexualdelikte zu anstößig.
Ich habe mich damals oft gefragt, ob es eigentlich unanständiger war, einen Toten sorgfältig zu untersuchen oder einer Frau zu verbieten, genau das zu tun.
Die Arbeit selbst war nicht einfach. Die Arbeitsbedingungen waren deutlich unsicherer als heute. Schutzvorrichtungen gab es kaum. Eine kleine Verletzung konnte schlimme Folgen haben. Formalin und Verwesungsgeruch gehörten zu meinem Alltag. Daran gewöhnte ich mich nie, aber ich lernte, trotzdem weiterzuarbeiten.
Auch mangelte es an simplen Dingen wie Umkleidemöglichkeiten und Sanitäreinrichtungen für Frauen. Offenbar hatte bei der Planung solcher Arbeitsplätze kaum jemand daran gedacht, dass dort auch Frauen arbeiten könnten.
Mir fehlte manchmal ganz schlicht ein Platz. Nicht ein Stuhl oder ein Schrank. Ein Platz, an dem ich selbstverständlich hingehörte.
Auch der Umgang mit der Justiz war schwierig. Polizei, Staatsanwälte und Gerichte waren Bereiche, in denen Frauen kaum vorkamen. Wenn ich mit Männern aus diesen Berufen zu tun hatte, musste ich oft erst zeigen, dass ich wusste, wovon ich sprach. Ich musste mich beweisen. Immer wieder.
War ich belastbar genug? Würde ich durchhalten? Gehörte ich wirklich hierher? Manchmal hatte ich den Eindruck, dass ein Mann erst beweisen musste, dass er unfähig war. Ich dagegen musste zuerst beweisen, dass ich überhaupt fähig war.
Manchmal hat es mich geärgert, oft verletzt und viele Male hat es mich einfach nur müde gemacht. Dann habe ich mir selbst Mut zugesprochen. Ich musste nicht die Erste sein, ich musste nur dafür sorgen, nicht die Letzte zu werden.
Meine berufliche Laufbahn verlief trotzdem nicht so geradlinig, wie ich es mir als junge Frau vorgestellt hatte. Eine gute Ausbildung bedeutete noch lange keine gute Stelle. Ich kannte Frauen, die als Volontärinnen arbeiteten oder sich mit schlecht bezahlten Assistenzstellen über Wasser hielten.
Auch ich musste lernen, dass Können allein nicht genügt. Manchmal braucht man Geduld. Manchmal braucht man jemanden, der einem eine Tür öffnet. Und manchmal muss man sehr lange vor einer Tür stehen, bevor sie sich überhaupt bewegt.
Ich habe erlebt, wie Frauen kamen und wieder gingen. Nicht jede wollte sich das antun. Das konnte ich ihnen nicht verdenken. Ich selbst bin geblieben. Nicht, weil es immer leicht war. Es war oft genug schwer. Aber ich wollte nicht wieder dort anfangen, wo ich als junges Mädchen gestanden hatte.
Draußen.
Heute sehe ich Ärztinnen, die einen Sektionssaal betreten, ihren Kittel anziehen und mit der Arbeit beginnen. Niemand dreht sich mehr automatisch nach ihnen um. Niemand fragt zuerst, ob eine Frau das überhaupt aushalten kann.
Wenn ich das sehe, freue ich mich.
Denn ich weiß noch, wie es sich angefühlt hat, wenn man mich genau das gefragt hat. Man fragt heute: „Was haben Sie herausgefunden?“ Das ist eine einfache Frage. Aber ich hätte sie früher gern öfter gehört. Nicht: „Sind Sie sicher, dass Sie das können?“ Nicht: „Warum machen Sie das als Frau?“ Sondern einfach: „Was haben Sie herausgefunden?“
Ich wollte nie etwas Besonderes sein, keine Bewunderung, keine Sonderbehandlung. Ich wollte meine Arbeit machen und nicht jeden Tag erklären, warum.
Als Kind dachte ich, ein neues Jahrhundert würde automatisch eine neue Welt bringen. Heute weiß ich, dass das nicht so einfach ist. Eine neue Zeit beginnt nicht unbedingt in dem Moment, in dem die Uhr Mitternacht schlägt. Manchmal beginnt sie damit, dass jemand eine Tür öffnet, die bisher verschlossen war. Manchmal steht man selbst davor. Und manchmal muss man sie sehr lange drücken.
Ich war zwanzig, als ich diesen Schritt machte. Ich wusste nicht, ob ich Erfolg haben würde. Ich wusste nur, dass ich es versuchen musste.
Ich wollte nicht länger draußen stehen. Nicht vor dem Hörsaal, nicht vor der Wissenschaft und auch nicht am Rand des Seziertisches.
Rahel Rodler, Frances Gertrude McGill, Elisabeth Nau, Lotte Strauss und Elisabeth Trube-Becker gelten als Pionierinnen der Pathologie und Rechtsmedizin, die als frühe Frauen in ihren Bereichen maßgebliche Fortschritte erwirkten. Wenn ihr etwas mehr über sie erfahren möchtet, folgt den Links.
Rahel Rodler (im Text „Rahel Rodler“, Wikipedia führt sie als „Rachel Rodler“)
https://de.wikipedia.org/wiki/Rachel_Rodler
Frances Gertrude McGill:
https://en.wikipedia.org/wiki/Frances_Gertrude_McGill
Elisabeth Nau (Medizinerin):
https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Nau_(Medizinerin)
Lotte Strauss (Pathologin,)
https://de.wikipedia.org/wiki/Lotte_Strauss
Alternativ englisch: https://en.wikipedia.org/wiki/Lotte_Strauss
Elisabeth Trube-Becker:
https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_Trube-Becker
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