Werbung – Rezensionsexemplar
Die Novelle „Albert Nobbs“ von dem irischen Autor George Moore wurde zuerst in der Kurzgeschichtensammlung A Story-Teller’s Holiday veröffentlicht. Später überarbeitete Moore den Text und veröffentlichte ihn im Erzählband Celibate Lives. Nun legt der Pendragon Verlag die kurze, aber eindringliche Novelle neu auf. Obwohl sie vor mehr als hundert Jahren entstand, wirkt ihre zentrale Frage noch immer aktuell: Wie viel von der eigenen Identität muss ein Mensch aufgeben, um in einer Gesellschaft bestehen zu können?
Alberts Entscheidung, als Mann zu leben, ist vor allem eine bittere Notwendigkeit. Als Frau hätte sie im Irland des 19. Jahrhunderts kaum Möglichkeiten gehabt, wirtschaftlich unabhängig zu sein. Der Preis dafür ist hoch: Albert lebt isoliert und hat sich immer weiter von anderen Menschen entfernt.
Die Erzählstimme beschreibt Albert als hager und unscheinbar und erzählt rückblickend von einem stillen Menschen, vor dem sie als Kind sogar Angst hatte. Dadurch entsteht von Anfang an Distanz, aber auch Neugier auf die Person hinter dieser unscheinbaren Erscheinung.
Als Hubert Page in Alberts Zimmer und Bett einquartiert wird, kommt das Geheimnis durch einen kleinen Floh ans Licht. Der Floh beißt Albert, und Hubert erkennt, dass hinter dem Kellner eine Frau steckt, die seit Jahren als Mann lebt. Diese beinahe absurde Situation fand ich auf tragische Weise amüsant, denn ausgerechnet ein Floh bringt Alberts sorgfältig verborgenes Geheimnis zum Vorschein.
Die Begegnung mit Hubert lässt Albert von einem anderen Leben träumen. Ein eigener Laden, eine Wohnung, ein gemeinsames Leben und sogar ein Kind erscheinen plötzlich möglich. Doch nach all den Jahren sind Vorsicht und Zurückhaltung zu festen Bestandteilen ihres Lebens geworden. Nähe wird deshalb zugleich zur Hoffnung und zur Bedrohung.
Besonders eindrucksvoll zeigt Moore, wie sehr die angenommene Identität Albert verändert hat. Aus der Verkleidung ist längst eine Lebensweise geworden. Albert vermeidet Aufmerksamkeit, hält Gefühle zurück und lebt möglichst unauffällig. Moore erzählt dabei in einer nüchternen, distanzierten Sprache. Gefühle werden nicht erklärt, sondern zeigen sich in kleinen Gesten und in dem, was unausgesprochen bleibt. Gerade dadurch wirkt die Novelle so beklemmend.
„Albert Nobbs“ ist keine moderne Identitätsgeschichte und sollte im historischen Kontext gelesen werden. Trotzdem berührt Moore Themen, die bis heute aktuell sind: gesellschaftlicher Druck, eingeschränkte weibliche Lebensmöglichkeiten, wirtschaftliche Abhängigkeit und die Frage, wie frei ein Mensch sein kann, wenn er einen wichtigen Teil seiner Persönlichkeit verstecken muss.
Die Novelle ist still, melancholisch und nachdenklich stimmend. Sie liest sich schnell, bleibt aber lange im Kopf. Alberts Einsamkeit und ihr Wunsch nach einem sicheren Platz im Leben machen die Geschichte berührend. Kleine, beinahe absurde Momente wie die Flohgeschichte geben der ansonsten tragischen Handlung zugleich etwas Leichtigkeit.
George Moore zeigt eindringlich, dass gesellschaftliche Zwänge Menschen dazu bringen können, sich selbst zu verleugnen. Ein äußerlich geordnetes Leben bedeutet deshalb nicht automatisch ein erfülltes Leben.
Eine interessante Wiederentdeckung für alle, die klassische Literatur, historische Gesellschaftsbilder und Geschichten über ungewöhnliche Lebenswege mögen.
- ASIN : B0H629WR61
- Herausgeber : PENDRAGON Verlag
- Barrierefreiheit : Erfahre mehr
- Erscheinungstermin : 7. September 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- ISBN-13 : 978-3865329752

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