Sonntag, 7. Juni 2026

Der Rückzug: Novelle von Marko Richter-Höfer (Autor)


Steffen ist ausgebrannt. Nicht nur ein bisschen erschöpft, sondern an einem Punkt, an dem nichts mehr geht. Der Job, das Leben, der ständige Druck, all das hat ihn so weit gebracht, dass er nur noch weg will. Also zieht er mit seiner Frau Marion und seiner Tochter Tessa ins dünn besiedelte Wendland, nach Clenze. Ein Neuanfang fernab vom Lärm der Welt. Für Steffen scheint genau das die Lösung zu sein: möglichst wenig Menschen, möglichst wenig Kontakt. Selbst die kurzen Begegnungen beim Bäcker sind ihm schon zu viel. Alles andere, findet er, lässt sich schließlich auch online regeln.

Was dabei zunehmend auf der Strecke bleibt, ist seine Familie. Seine Frau, die den ganzen Neustart im Grunde allein stemmen muss. Seine Tochter, die ohnehin schon Schwierigkeiten hatte und nun bei null anfangen soll. Steffen nimmt das durchaus wahr, aber mehr schafft er nicht. Burnout ist hier kein Schlagwort, sondern ein Zustand, der ihn komplett blockiert.

Dann kippt die Geschichte plötzlich ins Unbegreifliche.

Als Steffen eines Tages allein zu Hause ist, kann er das Grundstück nicht mehr verlassen. Eine unsichtbare Barriere hält ihn fest und lässt niemanden hinein. Was zunächst wie ein rätselhaftes Phänomen wirkt, wird schnell existenziell: kein Strom, nichts zu essen, keine Hilfe. Nur noch er und dieses Eingeschlossensein.

 Ich habe beim Lesen ständig überlegt, wie das alles zusammenhängt. Meine eigene Theorie : Was, wenn genau das passiert ist, was Steffen sich unbewusst gewünscht hat? Vollkommener Rückzug. Absolute Ruhe. Nur dass dieser Wunsch plötzlich eine Konsequenz bekommt, die er nicht mehr kontrollieren kann.

Gerade diese Verbindung fand ich besonders stark. Die Barriere wirkt nicht einfach wie ein äußeres Ereignis, sondern fast wie eine physische Manifestation seines inneren Zustands. Ein Rückzug, der sich verselbstständigt hat. Während draußen geforscht, spekuliert und medial ausgeschlachtet wird, sitzt Steffen fest und wird immer schwächer. Während seine Familie sich direkt mit den Konsequenzen der Barriere auseinander setzen muss. 

Etwas Küchenpsychologie darf sein, finde ich. Für mich steckt hier ziemlich klar die Aussage drin, dass man sich aus so einem Zustand nicht einfach herausziehen kann, indem man sich komplett abschottet. Der Wunsch nach Ruhe und Abstand ist verständlich, aber wenn daraus Isolation wird, kippt etwas. Und das betrifft eben nicht nur den, der sich zurückzieht, sondern auch die, die zurückbleiben.


Ich mochte die Geschichte gerade deshalb, weil sie nicht alles erklärt. „Der Rückzug“ von Marko Richter-Höfer ist eine eindringliche Novelle über Erschöpfung, Isolation und die gefährliche Sehnsucht, einfach verschwinden zu wollen.


  • ASIN ‏ : ‎ B0H18NFG3D
  • Herausgeber ‏ : ‎ Independently published
  • Erscheinungstermin ‏ : ‎ 8. Mai 2026
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe ‏ : ‎ 98 Seiten
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 979-8258327833

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