Samstag, 6. Juni 2026

Daedalos 18 Story Reader für Phantasik (Herausgeber: Ellen Norton, Michael Siefener, Andreas Fieberg)


Die Daedalos-Reihe war mir bisher nur vom Hörensagen bekannt, entsprechend betrat ich mit diesem Band völliges Neuland. Schon die Aufmachung des Hardcovers konnte mich jedoch sofort begeistern. Das dunkle Pink des Einbands, geschmückt mit Schwarz-Weiß-Illustrationen auf Vorder- und Rückseite, macht das Buch zu einem echten Blickfang. Dazu kommen Lesebändchen und eine insgesamt hochwertige Verarbeitung. Besonders interessant fand ich den Verzicht auf einen Klappentext, denn dadurch konnte ich vollkommen unvoreingenommen in die Geschichten eintauchen.

Beim ersten Durchblättern fielen mir außerdem die Illustrationen ins Auge. Einige erinnerten mich an die Arbeiten meines Lieblingsillustrators Aubrey Beardsley. Besonders die Illustration zu „Dissonanz“ von Dennis Staats weckte diese Assoziation. Die Zeichnungen tragen viel zur besonderen Atmosphäre des Bandes bei und sind weit mehr als bloße Dekoration. Eine Liste der Künstler, soweit bekannt findet ihr am Ende der Rezension.

Doch kommen wir zu den Geschichten selbst. Daedalos 18 widerlegt klar das Vorurteil, Kurzgeschichten seien zwangsläufig leichte Kost, die man schnell liest und ebenso schnell wieder vergisst. Alle Texte verlangen viel Aufmerksamkeit; manche erschlossen sich mir nicht sofort, aber sie alle belohnten mich mit ungewöhnlichen Ideen und eindringlichen Bildern.


Peter Schünemanns „Feuerprobe“ wirkt wie eine Ergänzung oder Weiterführung einer größeren Geschichte rund um den Brand von Schloss Weyterstedt, die mir allerdings nicht bekannt ist. Dennoch lässt sich die Erzählung problemlos ohne Vorwissen lesen. Ein Bibliothekar erhält Besuch von Bianca von Weyterstedt-Hohental, die behauptet, sich in einer Welt zu befinden, die nicht die ihre ist. Fasziniert von ihr und ihrem Geheimnis gibt er sein bisheriges Leben auf und zieht nach Weyterstedt. Besonders gelungen fand ich, dass die Geschichte genügend Hinweise liefert, um auch Lesern ohne Vorkenntnisse einen Zugang zur Handlung zu ermöglichen und gleichzeitig Neugier auf die Hintergründe zu wecken.

Deutlich düsterer geht es in Uwe Dursts „Die Wespe“ zu. Rasmus wächst bei seiner alleinerziehenden Mutter auf, nachdem sein Vater die Familie verlassen hat. Als er eines Tages früher von der Schule nach Hause kommt, hört er verstörende Geräusche aus dem Schlafzimmer und beobachtet etwas, das seine kindliche Fantasie als monströse Schlupfwespe deutet und sein Vater hat ihm das Fortpflanzungsverhalten der Wespen einst erklärt. Obwohl sich die Richtung der Geschichte bereits früh erahnen lässt, verliert sie nichts von ihrer Wirkung. Im Gegenteil: Gerade die Perspektive des Kindes und die Vermischung von Realität und Fantasie erzeugen einen Horror, der mir sehr gut gefiel.

Auch folgende Geschichten sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

„Lieber Gott Böse“ von Michael J. Awe stellt die Frage, ob der Tod wirklich endgültig sein muss. Marks Eltern wollen und können den Verlust ihres Kindes nicht akzeptieren und greifen in ihrer Verzweiflung zu einer drastischen Maßnahme. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht eines Freundes von Mark, der dabei erkennt, dass Leben und Tod untrennbar miteinander verbunden sind. Diese Geschichte ist von einer solchen Traurigkeit, dass sie mich tief berührt hat, insbesondere aus der Perspektive von Eltern.

„Ich kann warten“ von Regina Holzkämper greift ein ähnliches Thema auf und hat mir ebenfalls sehr gut gefallen. Eindrücklich zeigt sie, dass sich mit dem Tod nur begrenzt verhandeln lässt und dass jeder Wunsch, sollte er in Erfüllung gehen, seine Konsequenzen nach sich zieht.

Auf jede einzelne Geschichte einzugehen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Gerade das macht jedoch auch die Stärke des Bandes aus. Die Beiträge unterscheiden sich deutlich voneinander, sowohl stilistisch als auch thematisch. Horror steht neben Phantastik, surreale Ideen treffen auf klassische Motive, und nicht jede Geschichte ist sofort zugänglich. Dadurch entsteht eine abwechslungsreiche Sammlung, die immer wieder überrascht.

Auch wenn mich nicht jede Geschichte gleichermaßen begeistern konnte, blieb bei mir insgesamt ein sehr positiver Eindruck zurück. Gerade die Mischung der Texte hat für mich gut funktioniert und spricht sowohl Kenner der Phantastik als auch Leser an, die einfach neugierig auf ungewöhnliche Geschichten sind

Mein Fazit: Daedalos 18 ist kein Buch für zwischendurch, das man gedankenlos konsumiert. Wer jedoch Freude an anspruchsvollen Kurzgeschichten, ungewöhnlichen Ideen und atmosphärischer Phantastik hat, findet hier eine Sammlung, die zum Nachdenken anregt und noch lange im Gedächtnis bleibt. Für mich war es die erste Begegnung mit der Reihe und vermutlich nicht die letzte.

Geschichten von:

Peter Schünemann – Feuerprobe
Uwe Durst – Die Wespe
Dennis Staats – Dissonanz
Philipp Nowotny – In der Schildkrötenwelt
Andreas Fiebig – Hand in Hand
Ellen Norten – Meine Freundin ist verrückt
Gabriele Behrend – Die Erweckung durch P.R.A.Y.
Joachim Pack – Omnibus
Andrea Tillmanns – Variationen der Zeit
Michael J. Awe – Lieber Gott Böse
Regina Holzkämper – Ich kann warten
Uwe Appelbe – Die Nacht ist still, da hört man weit
Leonhard Stein – Der Gorilla

Erwerben könnt ihr das Buch direkt beim Verlag: 

Titelbild: Louis Le Bretona

Die Künstler:

daedalos #18 – ILLUSTRATIONEN


S. 11: k.A.

S. 15: Lorenz Frølich

S. 21: Alexander Gribojedow

S. 24: Max Klinger (1857–1920)

S. 31: Aubrey Beardsley

S. 35: Ernst Stöhr (1860–1917)

S. 39: Charles Robinson (1870–1937)

S. 43: Josef Fleischmann

S. 48: Albrecht Dürer (1494)

S. 55: Albrecht Dürer

S. 59/62: Honoré Daumier

S. 69: Henri Gerbault

S. 75: Otto Marcus (1863–1952)

S. 81: k.A.

S. 82: "The History of Witches and Wizards", hrsg. T. Norris, 1720

S. 84: "hourglass", engraving 1887

S. 89: k.A.

S. 101/107/108: Carlo Chiostri (1863–1939)

S. 110: Leon Gaucherel (1816–1886)

S. 115: Hieronymus Hess (1841)

S. 122: J. J. Grandville

S. 128: Franklin Booth

S. 135: Gert? Meyn.

S. 138: Daniel Vierge


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