Donnerstag, 1. Mai 2025

Literatur auf Rädern: Im Gespräch mit Carolin Gmyrek von der fahrenden Buchhandlung

Ich freue mich sehr, heute mit Carolin Gmyrek sprechen zu dürfen, die mit ihrer fahrenden Buchhandlung „Wechselseitig“ ein ganz besonderes Projekt ins Leben gerufen hat. Ihr Engagement, unabhängige Autor*innen und kleine Verlage sichtbar zu machen, ist nicht nur inspirierend, sondern auch eine wichtige Bereicherung für die Literaturlandschaft. Carolin verbindet Leidenschaft für Bücher mit der Idee, Literatur an ungewöhnlichen Orten erlebbar zu machen – und schafft so einen Raum, der Begegnung, Austausch und Lesefreude fördert. In diesem Interview möchte ich mehr darüber erfahren, wie ihre Buchhandlung funktioniert, welche Herausforderungen sie meistert und welche Visionen sie für die Zukunft hat.

Wie bist du auf die Idee gekommen, eine fahrende Buchhandlung zu starten? Was hat dich dazu inspiriert?

Tatsächlich war es weniger eine Idee oder eine Entscheidung als ein Konglomerat verschiedenster Ereignisse, Zufälle und Wünsche. Tatsächlich träumte ich schon sehr lange von einer eigenen Buchhandlung, die im Besonderen Fantasy, Phantastik und Horror verkauft – mit einem Café, vielen Veranstaltungen und Merchandise. Leider wurde aus diesem sehr konkreten Wunsch nichts und ich legte das Konzept in eine verstaubte Ecke ganz hinten in der Wohnung ab. Als ich aktiver für die Zombie Zone Germany tätig wurde, wollte ich diese und weitere Bücher des Amrûn Verlages auf kleinere Events tragen und verkaufen. Damals fuhr ich mit dem Flixbus, einem Koffer und angelieferten Büchern auf ein oder zwei kleinere Veranstaltungen. Ich stellte fest, dass ich solche Veranstaltungen sehr liebe, jeodch eher, wenn ich hinter dem Stand stehe. Ein Jahr später – ich hatte mich gerade mit meinem Lektorat selbstständig gemacht – fragte uns die Organisation der Krähenfee, ob wir die Bücher von Zauberfeder ebenfalls an unserem Stand verkaufen könnten – die eigentliche Verkäuferin sei abgesprungen. Nun, ich hatte Platz und warum nicht? Daraus resultierte nicht nur eine sehr fruchtbare Kooperation, sondern der Grundstein für meine fahrende Buchhandlung. Der Verlag Torsten Low vererbte mir seinen alten Pavillion als Starthilfe, Selfpublisher*innen, die ich als Lektorin betreute, vertrauten mir nun ihre Bücher auch als Verkäuferin an und durch einen wundervollen Kontakt zu Sandra Thoms vom Bedey & Thoms Mediagroup konnte ich ein tolles und aufregendes Sortiment aufbauen. Ich erschuf einen 5 Jahresplan, der nach schon 2 Jahren größtenteils erreicht worden ist. Es war die Möglichkeit, die Indie-Verlage und Selfpublisher*innen einen Platz in einer Buchhandlung zu geben, die Kunstschaffenden zu unterstützen, die aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht an vielen Events teilnehmen können und eben die Branche sichtbar zu machen, die ich so sehr liebe.


Was sind für dich die größten Herausforderungen beim mobilen Buchhandel – und was motiviert dich, trotzdem weiterzumachen?

Der Buchhandel – gerade, wenn man noch so klein ist – hat viele Herausforderungen, eine Selbstständigkeit ebenfalls. Da eine Beantwortung sehr lange dauern würde, gehe ich erstmal nur auf den fahrenden Aspekt ein, bzw. auf die spezifischen Probleme meiner kleinen Projekts. Wir sind von den Events, Veranstaltungen und Festivals abhängig, die wir im laufe eines Jahres besuchen können. Das ist ein enormer zeitlicher und ressourcenlastiger Aufwand. Durch den Brotjob meines Mannes sind wir noch limitiert über die Anzahl der Events, die wir besuchen können. Außerdem müssen wir die Ware irgendwie von A nach B bekommen. Im ersten Jahr haben wir uns einen Anhänger von einem Freund und das Auto meines Vaters ausgeliehen. Das hieß, dass wir 10 Stunden mit 80 Km/h über die Autobahn getuckelt sind. Ich war mit meiner Warenauswahl platztechnisch stark limitiert, zumal ich mit meinem Verkaufsstand nicht nur Bücher verkaufen, sondern auch ein Erlebnis schenken wollte. So können Lesungen bei uns stattfinden, oder die Lesenden können sich auf unseren Stühlen niederlassen und einfach in das Wunschbuch reinlesen. Dabei kann man nie wissen, welche Bücher auf einem Event gut funktionieren. Manchmal wird Science Fiction bevorzugt, dann wieder der Krimi. Jedes Events ist anders, jedes Jahr gibt es neues Publikum. Man kann nie wissen, wie viele Menschen wirklich da sein werden – und wie viele davon überhaupt in Kauflaune.

Durch das Reisen und ständige ein- und auspacken der Ware, lässt sich zudem nicht verhindern, dass Bücher Schäden erhalten, oder etwas zu Bruch geht. Mittlerweile habe ich eine Versicherung, doch im ersten Jahr hatte ich aus diesem Grund enorme Ängste vor dem Wetter – und ja, im ersten Jahr hatten wir mit vielen Stürmen und Regenfällen zutun.

Und dennoch liebe ich alles daran. Ich liebe die Gespräche mit den Lesenden und Autor*innen, mit den Verlagen und anderen Verkaufenden. Wir haben viele Freunde gewonnen, viele wundervolle Situationen erlebt. Ich habe gelernt, dass man die Menschen auf keinen Fall unterschätzen darf. Sie wissen zu schätzen, was man tut, genießen die neue Auswahl, die von den großen Buchhandlungen abweicht und die langen und ausführlichen Verkaufsgespräche. Wir lieben es, auf den Events zu campen, die Freude in den Gesichtern zu sehen. Ich bin stolz darauf, wenn eine Person mit einem breiten Grinsen im Gesicht und einem bis dato unbekannten Buch geht und am nächsten Tag wiederkommt, weil das Buch so toll war, dass er a) es schon in der Nacht las und b) gleich das nächste haben möchte.

All das tröstet über die Strapazen des Auf- und Abbaus und dem Plus-Minus-Null hinweg. Es sind Erlebnisse, die wir verkaufen und Erlebnisse, die wir selbst erleben.


Wie wählst du die Bücher und Autor*innen aus, die du präsentierst? Gibt es bestimmte Kriterien oder Geschichten, die dir wichtig sind?

Tatsächlich ist das eine Krux, die ich gar nicht erwartet habe. Meine Regel ist: Keine Großverlage! Ich verkaufe nur Indieverlage und Selfpublisher*innen.


Mein Sortiment bestand bisher aus eben diesen Indieverlagen, mit denen sich bereits eine tiefe Freundschaft oder eine starke Kooperation (und spätere Freundschaft) habe. Alle Verlage, die ich bisher im Sortiment habe, haben mich auf enorme Weise unterstützt und mit aufgebaut. Dafür bin ich unglaublich dankbar, deshalb möchte ich sie sichtbar machen. Die Selfpublisher*innen dagegen stammen aus dem Kundenkreis meines Lektorats. Es war eher logisch, als eine direkte Idee. Ich bot meinen Lektoratskund*innen an, dass ich ihre Bücher an meinem Stand verkaufen könnte. Immerhin war ich daran beteiligt, dass ihre Bücher großartig wurden, zum anderen kenne ich ihre Bücher einfach in- und auswendig. Ich kann sie also sehr gut verkaufen. Irgendwann wurde mir gesagt: Füge das deinem Geschäftsmodell hinzu: Lektorat und Verkauf! So logisch, so einfach.

Mittlerweile wurde aus einer kleinem Hobby etwas größeres. Wir haben einen größeren Pavillon, ein größeres Auto. Die Anzahl an Verlagen hat sich ebenfalls erhöht, immer mehr würden gerne einen Platz an meinem Stand haben. Nun stehe ich vor vielen Fragen: Wie definiere ICH eigentlich einen Kleinverlag, wo ziehe ich die Grenze? Kann ich es für mich verantworten, dass ich bei Selfpublisher*innen diese Bedingung voraussetze, oder sollte ich davon weg? Aber ich bin nun mal Lektorin – das finanziert mir den Stand. Schreibende wenden sich mit Hoffnung und Wünschen an mich, würden gerne ein Teil meines Standes sein, was oft eine Komplettbetreuung mit Lesungen und Präsentation beinhaltet. Mittlerweile muss ich mir selbst erlauben, eine Wahl über die Bücher zu treffen, die ich mitnehme. Diese Wahl treffe ich im Moment noch aus Begeisterung für den jeweiligen Titel. Wie ich in Zukunft damit umgehe, kann ich noch nicht sagen.

Gibt es ein besonderes Erlebnis bei einer Veranstaltung, das dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?

Nein, tatsächlich nicht. Nicht, weil nicht so unglaublich tolle Dinge passiert sind, sondern weil es so viele sind. Von Kund*innen, die eigentlich nicht lesen und dann doch mit einem Stapel Bücher abziehen, von Autor*innen, mit denen man lange Gespräche führt, Pizzaessen unter dem Dach des Pavillons, während es regnet, Häkelkurse, die stundenlang gehen, vollen Lesungen, tollen Gesprächen am Lagerfeuer nach Verkaufsschluss, frühmorgendlicher Kaffee mit anderen Händler*innen, Projektplanungen, enorme Hilfsbereitschaft der Menschen, Piratenlager, die Flaggen stehlen, das riesige Vertrauen, das uns entgegengebracht wird und … und … und …

Es ist ein riesiges Abenteuer, jedes Mal wieder. Und wir lieben alles daran!

Wie reagieren die Besucher*innen, wenn sie deine Buchhandlung entdecken? Was sagen sie am häufigsten dazu?

„uii“… sagt mein Mann. Ich musste ihn fragen, denn ich war mir nicht sicher. Meistens zeigen die Besuchenden sehr positive Reaktionen. Sie sind überwältigt über die Auswahl und den Aufbau des Standes. Sie lieben unser Sortiment – ob sie liebgewordene Verlage entdecken oder ganz neue Bücher. Sie lassen sich gerne beraten und sind oft überrascht, dass sie – obwohl sie alles zu kennen glauben – etwas Neues finden. Oft werden wir gefragt, wer wir sind, ob wir ein Verlag sind, oder ob ich all diese Bücher geschrieben habe. Ich gestehe: das finde ich dann doch witzig.

Welche Bedeutung haben für dich die Kooperationen mit Indie-Verlagen und Selfpublisher*innen? Warum liegt dir das so am Herzen?

Ich liebe Geschichte, ich liebe Kunst und ich liebe Kunstschaffende. Die Leidenschaft, die Kreativität ist eine Inspiration. Es ist eine Leidenschaft, die so wunderschön und doch so frustrierend sein kann, denn sie bedeutet viel Arbeit, von der wir nicht leben können. Viele verdienen kaum Geld damit, es ist ein Produkt, dass nebenbei passiert. Neben dem Brotjob, neben der Familie, neben dem Leben. Ob nun Schreibende oder Verlegende, sie stecken ihr gesamtes Herzblut in etwas, was so viel Schönes erschafft. Und wir nutzen es. Wir lieben die Geschichten und Bilder, die Musik, auch fernab, was ein jeder liebt, gibt es auch jene, die keinen Platz, die Mittel oder das Thema haben, um von jedem gesehen und gemocht zu werden. So viel geht unter. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, dass das nicht verloren geht und eben alle Herzen erfreuen kann. Ich weiß nicht genau, warum mir das so wichtig ist. Bereits im Studium wollte ich die unbekannten Themen und Titel besprechen, wollte Studierenden und Dozierende auf mehr aufmerksam machen, als den Kanon. Ich wollte Veranstaltungen füllen, bei denen ein Dutzend frische Schreibende am Lesungstisch sitzen und ihr Publikum begeistern und ich wollte zeigen, was Sprache kann.

Wie sieht ein typischer Tag auf einer Veranstaltung für dich aus – vom Aufbau bis zum Abbau? Gibt es Momente, die dir besonders Freude bereiten?

Veranstaltungen sind unterschiedlich lang, aber ich gehe mal von einem typischen 3-Tage-Wochenende aus. Je nachdem, ob mein Mann Urlaub erhält oder nicht, fahren wir einen Tag vor der Veranstaltung zum Aufbau oder mitten in der Nacht zum ersten Veranstaltungstag. Meistens sind wir dafür fünf bis sechs Stunden unterwegs. Davor wird natürlich noch die Ware eingeräumt, die Katzen versorgt und gepackt. Am Veranstaltungsort wird der Standplatz inspiziert und die Con-Crew kennengelernt. Es folgt der Aufbau: Innen der Stand, Außen der Pavillon. Der Verkaufsstand braucht zwischen 2-4 Stunden für den vollständigen Aufbau – einschließlich dem privaten Bereich. Während dem Event bleibe ich meistens am Stand – ich kann ich einfach nicht verlassen. Irgendwann – wenn das Event schließt, es dunkel wird oder niemand mehr kommt – räumen wir auf, bauen unsere Schlafstätte auf und lassen den Tag mit netten Gesprächen ausklingen. Am nächsten Tag stehen wir meistens gegen sieben Uhr auf, machen uns frisch, frühstücken und bereiten den Stand für den nächsten Verkaufstag vor. Der letzte Tag endet entweder mit dem Abbau (der um einiges schneller geht, als der Aufbau) oder einer letzten Übernachtung. Alles wird wieder zurück ins Auto gepackt, man verabschiedet sich und fährt wieder Heim. Und dann wird wieder entladen, die Wohnung aufbereitet und die Katzen gekuschelt. Also… eigentlich gar nicht so spannend.

Hast du vor, deine fahrende Buchhandlung „Wechselseitig“ irgendwann europaweit zu betreiben? Was würdest du dir davon erhoffen?

Zwar denke ich ab und an darüber nach, doch geplant ist es nicht. Dafür gibt es drei Gründe: 
1. Es ist ein enormer, organisatorischer Aufwand, den ich alleine so noch nicht stemmen mag. 
2. Ist der Verkauf in anderen EU-Ländern auch steuerrechtlich sehr kompliziert, Maut und verschiedene Richtlinien machen es kompliziert. Damit möchte ich mich längerfristig auseinandersetzen.

Wenn du eine Sache an der Bücherwelt sofort ändern könntest – was wäre das?

Das ist tatsächlich eine schwierige Frage, denn es gibt so viele Antworten darauf. Aber viele Probleme – so denke ich – würden mit Fairness beseitigt werden. Fairness in der Bezahlung und im Preis, Fairness bei der Sichtbarkeit und Wahrnehmung, Fairness im Umgang untereinander, Fairness bei der Erstellung von Kunstprodukten. Fairness ist tatsächlich auch mein Wort des Jahres. Ich möchte versuchen, dieses mehr zu fordern – zum Beispiel durch ein Zombie Zone Germany Projekt, durch Lesungsgagen oder eben dem Sortimentaufbau meiner fahrenden Buchhandlung. Wie oben jedoch berichtet, scheitert dies schon an meinen eigenen Wertvorstellungen.

Und ganz wichtig wie erreicht man dich wenn man dich auf einer Veranstaltung dabei haben möchte?

Im Moment sind wir auf mehr als 15 Events pro Jahr. In Zukunft möchte ich mehr. Viel Mehr. Aus diesem Grund würde ich mich über Einladungen und Wünsche freuen. Wenn ihr uns auf einem Event vermisst, könnt ihr uns gerne auf info@lektorat-wechselseitig.de anschreiben.

Ebenso für Sortimentswünsche und noch lieber, für ein Lektorat.

Vielen Dank für dieses tolle Interview und diese Chance, meiner kleinen Buchhandlung Sichtbarkeit zu geben!


Ich habe zu danken, es war wirklich angenehm mit dir zusammenzuarbeiten.


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