Im Zentrum der Geschichte steht Kekeli, die auf den ersten Blick angepasst, reflektiert und angenehm unaufgeregt wirkt. Gerade das macht sie interessant. Sie ist keine rebellische Heldin, sondern jemand, der beobachtet, analysiert und Eindrücke sortiert. Dafür führt sie gedankliche Karteikarten, auf denen sie Informationen über die Menschen festhält, denen sie begegnet.
Kurz vor dem Abiball besucht ihre Cousine Afi aus Togo die Familie. Gemeinsam mit Afi und ihrem Schulkameraden Kwame besucht Kekeli einen Open-Mic-Abend. Dort entsteht die Idee, Kwame und seinen Bruder Kofi auf einem Roadtrip nach Berlin zu begleiten. Im Rahmen eines Kulturprojekts wollen sie Schwarzen Lifestyle in Deutschland dokumentieren.
Auf der Reise thematisiert Lawson auch die Angst vor rechtsradikaler Gewalt und die rassistischen Erfahrungen, die Schwarze Menschen in Deutschland machen können. Wichtig ist dabei, dass Lawson keineswegs pauschale Vorwürfe gegen Deutsche oder Deutschland erhebt. Stattdessen zeigt sie realistisch, dass solche Erfahrungen für viele Schwarze Menschen Teil ihres Alltags sind. Es geht um Sichtbarkeit, nicht um Verurteilung.
Besonders gelungen ist, wie der Roman die Frage nach Zugehörigkeit nicht abstrakt behandelt, sondern in konkrete Begegnungen und Alltagserfahrungen übersetzt. Die Begegnung mit Afi spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie Kekeli mit einem selbstbewussteren Zugang zu ihrer Herkunft konfrontiert. Der Roman zeigt sehr überzeugend, dass Identität nicht einfach gefunden wird, sondern durch Erfahrungen entsteht.
Ein besonders starker Moment ist die Begegnung mit Alida, einer Autorin, die die Gruppe auf ihrer Reise kennenlernt. Sie hat das Buch „Speaking the Lion's Truth. Schwarze Deutsche Geschichte und Gegenwart" geschrieben. Der Titel verweist auf ein berühmtes Zitat von Chinua Achebe:
„Bis die Löwen ihre eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd immer den Jäger verherrlichen."
Dieser Gedanke zieht sich durch den gesamten Roman. Es geht darum, wer Geschichten erzählt und wessen Perspektiven sichtbar werden. Für Kekeli wird deutlich, dass Schwarze deutsche Geschichte nicht nur erzählt werden kann, sondern erzählt werden muss.
„Kekeli" ist ein Jugendroman, deshalb hat mich auch die Liebesgeschichte nicht gestört. Sie steht nie im Mittelpunkt, verleiht der Handlung aber eine zusätzliche Ebene. Die vorsichtige Annäherung zwischen Kekeli und Kwame fand ich wunderschön erzählt.
Sprachlich wirkt das Buch klar, zugänglich und sorgfältig aufgebaut. Lawson setzt nicht auf große Dramatik, sondern auf Beobachtung, Atmosphäre und die Entwicklung ihrer Figuren. Wer actionreiche Handlung erwartet, wird hier eher ein ruhiges Buch finden. Genau darin liegt aber eine große Stärke des Romans.
Besonders gelungen ist für mich, dass „Kekeli" Schwarze deutsche Gegenwart nicht als Randthema behandelt, sondern als selbstverständlichen Teil einer Familien- und Lebensgeschichte. Dadurch gewinnt das Buch politische Tiefe, ohne belehrend zu wirken.
Fazit: „Kekeli" ist ein stilles, kluges und emotional nachwirkendes Debüt über Herkunft, Zugehörigkeit und Selbstfindung. Wer fein erzählte Familiengeschichten mit gesellschaftlicher Tiefe mag, sollte sich diesen Roman merken. Gerade weil er nicht auf laute Effekte setzt, bleibt er lange im Kopf. Die Figur Alida und ihr fiktives Buch machen zudem deutlich, wie wichtig es ist, dass Menschen ihre eigenen Geschichten erzählen können.
- Herausgeber : Verbrecher
- Erscheinungstermin : 26. Januar 2026
- Auflage : 1.
- Sprache : Deutsch
- Seitenzahl der Print-Ausgabe : 270 Seiten
- ISBN-10 : 3957326435
- ISBN-13 : 978-3957326430

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