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Sonntag, 19. September 2021

SCHWEIG von Judith Merchant

 


Was würdest du tun, um deine Schwester zu retten? Und was, um sie loszuwerden?


Am Tag vor Heiligabend fährt Esther in den Wald zum Haus ihrer Schwester, um ihr ein Geschenk und eine Flasche Wein zu bringen. Ein Schneesturm setzt ein. Das Geschenk wird nicht geöffnet. Der Wein schon. Dinge werden gesagt, die besser ungesagt blieben. Und Taten werden begangen, die nie mehr rückgängig gemacht werden können.

Eigentlich muss Esther ihr Weihnachtsfest mit Ehemann und Kindern in der Stadt vorbereiten: einkaufen, Tanne besorgen – es wäre genug zu tun. Doch ihre Schwester Sue, die seit ihrer Scheidung völlig allein in einem riesigen Haus tief im Wald lebt, geht ihr nicht aus dem Kopf. Und so setzt sie sich ins Auto und fährt los. Aber nur um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist und ob Sue zumindest ihre Tabletten nimmt. In die Stadt einladen kann sie sie nicht. Denn was, wenn sie wieder durchdreht – wie letztes Jahr? Am Haus im Wald angekommen, stellt Esther fest, dass Sue sie loswerden will. Was hat sie zu verbergen? Ein Schneesturm setzt ein. Zum ersten Mal seit ihrer Kindheit kommen die Schwestern ins Gespräch, und kein Stein bleibt auf dem anderen – bis eine der beiden zum Messer greift. Während der Schnee alles verdeckt und jedes Geräusch erstickt ...

Judith Merchant lässt in ihrem neuen psychologischen Spannungsroman zwei unzuverlässige Erzählerinnen gegeneinander antreten – in einem unheimlich intensiven Kammerspiel um eine toxische Beziehung, in der nichts so ist, wie es scheint.

Esthers Leben ist perfekt, sie lebt mit ihrem Mann und den zwei Kindern in einer Wohnung in der Stadt, keine weiten Wege zur Arbeit oder zu den Schulen der Kinder, sodass ihr genug Zeit für ein inniges Familienleben bleibt, besonders ihre Ehe ist Zweisamkeit pur, das Sinnbild einer liebevollen Beziehung. Natürlich bedeutet das perfekte Familienleben auch harte Arbeit und gerade vor Weihnachten kommt es, wie in fast jeder Familie, schon mal zu kleinen Zwistigkeiten, doch Esther weiß: Das ist normal, das darf man nicht zu sehr dramatisieren. Einzig ihre Schwester Sue macht ihr Sorgen, diese lebt nach ihrer Scheidung allein in einem abgelegenen Haus mitten im Wald. Wenigstens ein kleines Geschenk will Esther ihrer kleinen Schwester bringen und so fährt sie am Tag vor Heiligabend zu ihr.

Sue lebt ein einfaches Leben, trotz ihres luxuriösen Hauses mitten im Wald, ist ihr Leben eher bescheiden, sie umgibt sich nicht mit unnützen Dingen und auch ein Handy hat sie nicht. Den Kontakt zu ihrer Familie hat sie auf ein Minimum beschränkt. Es geht ihr gut, umgeben von der Natur findet sie Erholung und Freude an den einfachen Dingen. Dass ihre Schwester am 23. Dezember plötzlich und unangemeldet vor ihrer Tür steht, gefällt ihr gar nicht und sie versucht alles diese wieder loszuwerden.

Die Autorin Judith Merchant lässt ihre Protagonisten Esther, Sue und später auch Martin, Esthers Ehemann, abwechselnd  erzählen und allein schon die Erzählungen der Schwestern vermitteln dem Leser ein ziemlich genaues Bild der Beziehung der so unterschiedlichen Frauen und diese Beziehung ist nicht gesund, das begann schon in der Kindheit der Beiden, ein traumatisches Erlebnis, verursacht einen tiefen psychischen Schaden bei einer der Schwestern, der sich durch ihr ganzes Leben zieht und alle in ihrem Umfeld beeinträchtigt.
Judith Merchant lässt ihre Leser lange im unklaren darüber, wer die *Böse* in diesem perfiden Spiel aus Manipulation und Machtausübung ist, immer wieder habe ich eine Wendung erwartet, die meine Einstellung zu den Protagonistinnen verändert, das wäre das gewesen was in vielen 08/15 Thrillern passieren würde, langweilig und vorhersehbar, aber das erspart Judith Merchant ihren Lesern, dafür verlangt sie ihnen etwas Geduld ab. Sie lässt die Fassaden der Schwestern nur langsam bröckeln und das, was man dahinter erblickt ist, ein tiefer dunkler Abgrund der menschlichen Psyche. 
Manchmal wollte ich das Buch zur Seite legen, soviel Übergriffigkeit wäre für mich persönlich nicht zu ertragen und auch wenn sie nur aus Sorge erfolgen sollte, schon davon zu lesen machte mich unfassbar wütend. 
Unaufhaltsam steuert die Handlung auf ein grausames und für mich vollkommen überraschendes Finale zu, damit habe ich nicht gerechnet. Und ich bin hin und weg. 
Allein das Finale macht dieses Buch zu meinem bisherigen Thrillerhighlight des Jahres.
So müssen Geschichten sein, sie müssen, unabhängig vom Genre, Emotionen erzeugen und das gelingt der Autorin hier mühelos.

  • Herausgeber ‏ : ‎ KiWi-Paperback; 1. Edition (9. September 2021)
  • Sprache ‏ : ‎ Deutsch
  • Broschiert ‏ : ‎ 352 Seiten
  • ISBN-10 ‏ : ‎ 3462001337
  • ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3462001334


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